Schwäbische Zeitung: Die Würde des Amtes - Leitartikel
ID: 548312
ein wechselhaftes Geschäftsmodell. Da werden Menschen, mal die
falschen, mal die richtigen, zu mächtigen Akteuren, und früher oder
später verlieren sie diese Macht wieder - und bisweilen auch das
Ansehen. Seit Bestehen der Bundesrepublik gibt es aber zwei
Konstanten, quasi ruhende Pole, in diesem hektischen Betrieb namens
Demokratie. Das ist zum einen das Bundesverfassungsgericht, es ist
zum anderen das Amt des Staatsoberhaupts.
Beide stehen traditionell über dem Parteienbetrieb, obwohl sich
die handelnden Personen in der Regel aus ihm rekrutieren. Das über
Jahrzehnte konstant hohe Ansehen von Verfassungsrichtern und dem
jeweiligen Bundespräsidenten speist sich vor allem aus der Würde des
Amtes. Die ist keine Schimäre, sondern Ausfluss von Respekt,
Verlässlichkeit, Unbestechlichkeit. Es sind - ohne jedes Pathos -
staatstragende Ämter und Funktionen.
Spätestens seit dem nach wie vor mysteriösen Rücktritt von Horst
Köhler ist die Würde des Bundespräsidentenamtes angekratzt. Ein
Staatsoberhaupt schmeißt doch nicht einfach die Brocken hin: So haben
es viele Menschen empfunden, und dieses Empfinden wirkt nach. Und
jetzt? Jetzt ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Köhlers Nachfolger
Christian Wulff sich nicht wird halten können. Man kann dahinter -
nicht ganz unbegründet - eine Kampagne wittern, aber im Kern wäre der
Präsident über ein Missverständnis gestürzt: Er selber hat die Würde
seines Amtes nicht begriffen, ist nicht in sie hineingewachsen, hat
sie folglich durch sein taktierendes, fast täppisches Verhalten
beschädigt.
Leider ist diese Würde nicht automatisch wieder heil, wenn in
absehbarer Zeit ein neuer Präsident gekürt wird. Wulff würde kleine
Schuhe hinterlassen - zu kleine für das Ansehen des Amtes. Ein Stück
bundesdeutscher Kontinuität ist verloren. Nicht eine Person, nur eine
echte Persönlichkeit wäre in der Lage, das auszufüllen, was die
Bürger von ihrem Präsidenten erwarten dürfen.
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Datum: 03.01.2012 - 21:30 Uhr
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