Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Wulffs Rücktritt

Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Wulffs Rücktritt

ID: 577025
(ots) - Deutschland hat keinen Bundespräsidenten mehr.
Schon wieder. Zum zweiten Mal in Folge tritt das Staatsoberhaupt vor
der Zeit zurück. Welch Zäsur innerhalb von 20 Monaten. Wird nun zur
Gewohnheit, was vor zwei Jahren vollkommen undenkbar erschien? Horst
Köhler ging aus anderen Gründen als Christian Wulff. Köhler sah das
Amt beschädigt, Wulff hat es beschädigt. Köhler flüchtete voreilig
und ohne Not, aber erhobenen Hauptes. Wulff hielt sich am Amt fest,
als es längst kein Halten mehr gab. Nun geht er in allergrößter Not.
Für einen Abgang in Würde ist es zu spät. Die Verantwortung dafür
trägt Wulff selbst. Er trägt sie nicht allein, aber zuvorderst. Wer
etwas anderes sagt, verwechselt Ursache und Wirkung. Wulff trägt
schwer an dieser Verantwortung. Seine Integrität ist dahin, und mit
seinem Rücktritt ist die Geschichte für ihn längst nicht zu Ende. Im
Gegenteil: Die Staatsanwaltschaft kann nun ungehindert ermitteln, und
die Debatte um die Gewährung des Ehrensolds hebt gerade erst an.
Schaden aber tragen auch Amt und Land davon. Die politische Kultur
hat gelitten. Wieder einmal. Und wir Journalisten tun gut daran,
unseren Anteil an diesem Befund nicht zu gering zu schätzen. Auch das
gehört zur Wahrheit in der Causa Wulff dazu. Am Freitag hat Christian
Wulff seinen Rücktritt erklärt, das Amt aber hat er viel früher
verloren. Christian Wulff, der Präsident, der sich ungestraft Lügner
nennen lassen musste. Der als Schnäppchenjäger, Schnorrer und
Häuptling vom Stamme Nimm veralbert wurde. Ja, der Präsident, vor dem
sogar der Karneval nicht mehr haltmachen wollte. Am schlimmsten aber:
Christian Wulff, der Präsident, der alles erlaubt sah, was nicht
ausdrücklich verboten war. Der alles erklären zu können glaubte, und
doch zu viele Erklärungen schuldig blieb. Verfangen zwischen Schein
und Sein hatte Wulff abgewirtschaftet. Selbst ein harmloser


Pflichttermin wie es die Vorstellung einer Sonderbriefmarke zum Thema
»Wahre Werte« im Leben eines Bundespräsidenten eigentlich ist, hatte
plötzlich etwas Peinliches. »Was sagt er wohl?« und »Wie meint er
das?«, lauteten die Fragen, die immer mit im Raum standen. Eine
weitere drängte sich auf: »Wie lange hält er das bloß aus?« Seine
Rücktrittsrede zeigte, dass er es nicht mehr aushält. Sie zeigte
einen Mann, der leidet - wohl immer noch mehr an der Welt als an sich
selbst. Dass er Fehler gemacht hat, wussten wir schon. Weiter reichte
die Selbstkritik nicht. Ob »rechtlich alles korrekt« war, wie er
behauptet, wird die Justiz hoffentlich klären. Die Öffentlichkeit hat
einen Anspruch darauf wie Wulff selbst. Die Unschuldsvermutung gilt.
Doch auch aus einem Freispruch würde kein Freibrief mehr. Anstand ist
eine moralische, keine rechtliche Kategorie. Kanzlerin Angela Merkel
hat Christian Wulff bis zuletzt verteidigt, was schon für sich
genommen ein Desaster darstellte. Was ist das für ein Präsident, der
den Schutz der Kanzlerin benötigt? Gestern hat Angela Merkel ihre
Lehre gezogen. Nachdem sie zwei Präsidenten verloren hat, ist sie
einen Schritt auf die Opposition zugegangen. Ihr Wunsch nach einem
Konsenskandidaten ist Schuldeingeständnis und Zeichen eigener Stärke
zugleich. Auch wenn es paradox klingt: Gerade die Affäre Wulff hat
Merkels Ansehen so gesteigert, dass sie sich in der Präsidentenfrage
nun sogar eine gewisse Großzügigkeit erlauben kann.



Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Nachrichtenleiter
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 - 585261

Themen in dieser Pressemitteilung:


Unternehmensinformation / Kurzprofil:
drucken  als PDF  FZ: Den Rubikonüberschritten
Kommentar der Fuldaer Zeitung zum Rücktritt Wulffs Mitteldeutsche Zeitung: zu Resozialisierung in Sachsen-Anhalt
Bereitgestellt von Benutzer: ots
Datum: 17.02.2012 - 20:10 Uhr
Sprache: Deutsch
News-ID 577025
Anzahl Zeichen: 3820

Kontakt-Informationen:
Stadt:

Bielefeld



Kategorie:

Politik & Gesellschaft



Diese Pressemitteilung wurde bisher 222 mal aufgerufen.


Die Pressemitteilung mit dem Titel:
"Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Wulffs Rücktritt"
steht unter der journalistisch-redaktionellen Verantwortung von

Westfalen-Blatt (Nachricht senden)

Beachten Sie bitte die weiteren Informationen zum Haftungsauschluß (gemäß TMG - TeleMedianGesetz) und dem Datenschutz (gemäß der DSGVO).

WESTFALEN-BLATT - Till Brönner: "Nichts aus Corona gelernt" ...
Der international renommierte Jazz-Trompeter Till Brönner befürchtet, dass Politik und Gesellschaft nichts aus der Zeit der Corona-Pandemie gelernt haben. "Das Erste, was wir tun, wenn es eng wird, ist ausgerechnet unsere DNA, nämlich die Kultur- und die Veranstaltungsbranche und die, die un

34 Polizeischüsse: Autofahrer gelähmt, Ermittlungen eingestellt ...
Die 34 Schüsse, die Polizisten vor zwei Jahren in Bad Salzuflen auf einen Audi und seinen Fahrer (19) abgegeben hatten, bleiben ohne strafrechtliche Folgen - es wird keinen Prozess geben. Die Staatsanwaltschaft Detmold hat nach WESTFALEN-BLATT-Informationen das Verfahren gegen die beiden Herforder

NRW: Polizei überwacht afghanischen Sexualtäter ...
Im Kreis Herford (NRW) wird ein afghanischer Sexualstraftäter in Absprache mit dem Landeskriminalamt "engmaschig" von der Polizei überwacht. Der 24-Jährige, der als rückfallgefährdet gilt, hatte nach einer Sexualtat eine Haftstrafe von drei Jahren und acht Monaten verbüßt und war in


Weitere Mitteilungen von Westfalen-Blatt


Mitteldeutsche Zeitung: zu Resozialisierung in Sachsen-Anhalt ...
Es ist durchaus positiv, dass Justizministerin Angela Kolb (SPD) und Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) aus dem Schlamassel von Insel Lehren ziehen wollen und Wege zur Vorbeugung suchen. Sich mit Bürgermeistern und Landräten an einen Tisch zu setzen, ist ein guter Weg. Allerdings: Leuten,

Mitteldeutsche Zeitung: zu Wulff ...
Ein möglicher Nachfolger oder eine Nachfolgerin soll nun ausdrücklich mit den Stimmen der Opposition gewählt werden. Darin liegt eine Chance - auch und gerade für Merkel. Wie schon öfters könnte die Bundesversammlung, die nach den letzten Landtagswahlen keine klare Mehrheit mehr aufweist,

FZ: Den Rubikonüberschritten Kommentar der Fuldaer Zeitung zum Rücktritt Wulffs ...
Nun kommt es so, wie es Christian Wulff noch vor fünf Wochen beim Neujahrsempfang für seine Mitarbeiter prophezeit hatte: Das "Stahlgewitter" der Medien sei bald vorbei, in einem Jahr werde "das alles vergessen" sein, hat er - so wird es kolportiert - vor versammelter Manns

Ostsee-Zeitung: Kommentar zur Suche nach einem Nachfolger für Christian Wulff ...
Viele meinen, Merkel könne Gauck jetzt nicht ernsthaft erwägen, weil sie damit Reue für einen Fehler zeigen würde. Ein entsprechender Vorschlag wäre jedoch auch gegenteilig interpretierbar: Merkel täte das, was sie nach Ansicht vieler ohnehin am besten kann - Größe zeigen. Pressekontakt


 

Werbung



Sponsoren

foodir.org The food directory für Deutschland
News zu Snacks finden Sie auf Snackeo.
Informationen für Feinsnacker finden Sie hier.

Firmenverzeichniss

Firmen die firmenpresse für ihre Pressearbeit erfolgreich nutzen
1 2 3 4 5 6 7 8 9 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z