Thromboseprophylaxe: Unscharfe S3-Leitlinie bringtÄrzte ins Schlingern / Expertengruppe stellt die Kombination von Heparinen und Thromboseprophylaxestrümpfen auf den Prüfstand
ID: 582058
Krankenhaus eine Thromboseprophylaxe unterlässt, begeht es einen
groben Behandlungsfehler. Dies geht nicht zuletzt aus einem Urteil
des Landesgerichts Potsdam vom 5. Mai 2011 hervor. Weniger einfach
ist die Frage zu beantworten, welche Einzelmaßnahmen eine adäquate
Thromboseprophylaxe umfassen sollte. Gehören etwa im Zeitalter der
niedermolekularen Heparine die Thromboseprophylaxestrümpfe (MTPS)
noch dazu?
Darum streitet sich nun die Fachwelt. Während Befürworter den
physikalischen Effekt der Strümpfe unabhängig von der medikamentösen
Therapie bestätigen, sehen Kritiker keine hinreichende Evidenz für
die Wirksamkeit der Maßnahme. Da die aktuelle S3 Leitlinie
"Prophylaxe der venösen Thromboembolie" die Strümpfe nur nach
Operationen mit hohem Thromboembolierisiko und bei einer
Kontraindikation von Heparinen ausdrücklich empfiehlt - bei allen
anderen Eingriffen aber lediglich eine Kann-Empfehlung gibt, ist sie
in vielen Bereichen unscharf und lässt den Ärzten erheblichen
Ermessensspielraum.
"Ärzte sollten mehr Klarheit bekommen, wie die aktuelle
S3-Leitlinie im Einzelfall zu interpretieren ist und wann MTPS als
Add-on zur medikamentösen Therapie medizinisch sinnvoll sind", sagte
Dr. Colin Krüger, Chirurg an den Vivantes Kliniken Berlin, am 20.
Februar beim zweiten Expertengruppentreffen in München. "Im Zweifel
entscheidet der ökonomische Druck und nicht die medizinische
Notwendigkeit - das kann verhängnisvolle Folgen für die Patienten
haben."
Aus diesem Grund will die im November gegründete Expertengruppe
Thromboseprophylaxe für mehr wissenschaftliche Klarheit, aber auch
für mehr Rechtssicherheit unter den Ärzten sorgen. Bei dem Treffen in
München einigten sich die Mitglieder darauf, eine biomechanische
Testung von MPTS zu veranlassen. "Dann glauben wir nicht nur, sondern
wissen auch, welcher Strumpf welche Wirkung hat", sagte Prof. Marc
Kraft vom Fachbereich Medizintechnik der TU Berlin, der die Testreihe
voraussichtlich durchführen wird. Die Experten wollen sich darüber
hinaus für die Durchführung einer klinischen Studie einsetzen. "Im
Zeitalter der Evidenz brauchen wir eine bessere Datenlage",
bekräftigten sie am Montag.
"Es gibt viele gute Gründe, die für eine Kombination von Strümpfen
und Heparin sprechen", betonte Prof. Peter Kujath, Leiter der
Thoraxichirurgie am Universitätsklinikum Lüneburg, der an der S3
Leitlinie mitgewirkt hat. Augenblicklich gebe es keinen Anhaltspunkt
dafür, die Strümpfe wegzulassen.
Ein ausführlicher Bericht über das Treffen der Expertengruppe zur
Kombination von MTPS mit der medikamentösen Therapie wird im April
als Sonderveröffentlichung im Springer Medizin Verlag in der
Fachzeitschrift "Der Chirurg" erscheinen.
Über die Expertengruppe Thromboseprophylaxe
Der Gruppe gehören Ärzte, Wissenschaftler, Juristen und
Gesundheitsökonomen aus ganz Deutschland an, einige haben an der AWMF
S-3 Leitlinie mitgearbeitet. Das Expertenteam will - angesichts der
hohen Thrombose-Inzidenz (0,2 Prozent der Bevölkerung) und bis zu 40
000 Todesfällen pro Jahr - mehr Klarheit über eine effektive
Thromboseprophylaxe schaffen.
Pressekontakt:
Beatrice Hamberger
Pressestelle Medical Data Institute
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Datum: 27.02.2012 - 09:09 Uhr
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