HAMBURGER ABENDBLATT: Inlandspresse, Hamburger Abendblatt zu Wulff/Gauck
ID: 588572
Der eine Bundespräsident ist nicht einmal per Zapfenstreich
halbwegs würdevoll verabschiedet, da wird bereits nach Leibeskräften
an der Würde des noch ungewählten Nachfolgers gerüttelt. Die Kritik
an Joachim Gauck kommt aus höchst unterschiedlichen Ecken. Sie
tröpfelt eher, als dass sie auf den 72-Jährigen einprasselt. Aber
kein Tag vergeht, ohne dass nicht die Lebensleistung des Pastors und
ersten Stasiunterlagen-Beauftragten angezweifelt wird. Vor zwei
Jahren ein Heilsbringer, heute ein Scheinheiliger? Wahrlich
scheinheilig ist die Debatte um den Nominierten für Schloss Bellevue.
Kein Zweifel: Die Demokratie verlangt nach der kritischen Begleitung
ihrer Amtsträger. Auch hat diese kritische Begleitung die
Maßlosigkeiten Christian Wulffs zutage gefördert. Allerdings erreicht
nun die vorauseilende Kritik am Noch-nicht-Amtsträger Gauck eine
Maßlosigkeit, die dem ohnehin beschädigten Amt des Bundespräsidenten
keine Regeneration gönnt. Erst erhob sich die sogenannte
Internetgemeinde gegen den gemeinsamen Kandidaten von Union, SPD, FDP
und Grünen, weil er für die Vorratsdatenspeicherung war und den Sinn
der Occupy-Bewegung infrage stellte. Dann wurden von politischer
Seite seine Familienverhältnisse hinterfragt. Es folgten Weggefährten
Gaucks, die öffentlich an seiner Bezeichnung als "Bürgerrechtler"
zweifelten", weil er in ihren Augen kein Widerstandskämpfer gewesen
sei, sondern nicht mehr als ein Revolutionspastor aus
Rostock-Evershagen. Zuletzt fühlte sich der Philosoph Peter
Sloterdijk bemüßigt, auf Gaucks "pastorale Identität" hinzuweisen,
die bald vielen auf die Nerven gehen könnte. Obwohl Gauck noch kein
einziges Wort als Bundespräsident gesprochen hat, rechnet Sloterdijk
schon jetzt mit atheistischen, katholischen und antiautoritären
Reaktionen. Soll das nach dem 18. März, dem Wahltag in der
Bundesversammlung, so weitergehen mit den Sticheleien und der
vielschichtigen Suche nach Charakter- und Persönlichkeitsschwächen
Gaucks? Da hatte es selbst ein Christian Wulff leichter vor seiner
Wahl 2010. Im Schatten der damaligen Euphorie über die ohnehin
chancenlose Nominierung des "Bürgerpräsidenten" Gauck galt Wulff
selbstverständlich als respektabler Kandidat. Anstatt nach Schwächen
zu suchen und seine fehlende Lebenserfahrung zu diskreditieren, wurde
Wulffs Alter seinerzeit als Chance für das Amt gewertet. Ja, es
herrschte sogar die freudige Erwartung, mit dem CDU-Politiker könne
ein von Bundeskanzlerin Angela Merkel recht unabhängiger,
hochpolitischer Kopf ins Schloss Bellevue einziehen. Das Amt stand
vor einer Neudefinition. Heute wissen wir zwar, dass Wulff als
Bundespräsident weit unter den Erwartungen zurückblieb. Aber aus
dieser Erfahrung heraus dem nächsten Amtsträger mit größtmöglichem
Pessimismus zu begegnen dient niemandem. Daran sollte auch die
Bundestagsfraktion der Linkspartei denken, wenn sie heute Gauck
empfängt. Keine Partei lehnt ihn bekanntlich mehr ab. Man darf davon
ausgehen, dass die Linke den gemeinsamen Termin zum Anlass nehmen
wird, Gauck öffentlichkeitswirksam zur falschen Wahl für Deutschland
zu erklären. Der Schmerz des Kritisierten wird sich in diesem Fall in
Grenzen halten. Der Prozess der schleichenden Diskreditierung der
zukünftig ranghöchsten Persönlichkeit des Landes setzt sich dennoch
fort. Es wird also Zeit, dass der bald gewählte Bundespräsident
Joachim Gauck selbst das Wort erhebt. Möge die pastorale Identität
ruhig in seine Reden einfließen. Wie sich Beiträge von
Staatsoberhäuptern anhören, die vorher Politiker, Banker oder Richter
waren, wissen wir. Dieses Land hat nicht nur mehr rhetorische
Brillanz verdient, es hat gerade nach dem Wulff-Debakel verdient,
seinem zukünftigen Präsidenten mit Wohlwollen und Optimismus
entgegenzutreten. Erst recht, weil Gauck stets die erste Wahl der
deutschen Bevölkerung war.
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Datum: 05.03.2012 - 19:09 Uhr
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