Börsen-Zeitung: Die Angst vor dem Bankrott, Marktkommentar von Thorsten Kramer
ID: 641665
aus dem verlängerten Wochenende zurück und werden entscheiden müssen,
ob die Meldungen der zurückliegenden Tage über die prekäre Lage des
griechischen Finanzsektors und die Herabstufungen von 16 spanischen
Banken sowie die Ergebnisse des G8-Gipfels in Camp David eine
Neuausrichtung der Anlagestrategie erfordern. Je mehr Anleger zu
dieser Einschätzung kommen, desto wahrscheinlicher wird es, dass die
Notierungen - ebenso wie bereits in den beiden Vorjahren - im Sommer
massiv unter Druck geraten.
Bislang dominiert unter Anlagestrategen die Einschätzung, dass den
Märkten diesmal ein erneuter Kursrutsch erspart bleiben wird.
Unmittelbar vor dem Wochenende setzte an den Finanzmärkten immerhin
eine leichte Beruhigung ein, aber zu mehr als einer minimalen
Erholung nach den jüngsten deutlichen Verlusten reichte es
beispielsweise an den europäischen Aktienmärkten nicht. Der Euro
Stoxx 50 fiel im Verlauf der Handelswoche um 4,9% auf 2145 Punkte,
seit Mitte März ist er bereits um rund 500 Punkte abgerutscht. Das
ist ein klares Signal für die wachsende Verunsicherung der
Marktteilnehmer. Zur Schwäche tendieren zurzeit auch viele andere mit
Risiken behaftete Assets, so notieren die Renditen der spanischen
Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit konstant über 6% - ein
Niveau, das langfristig als nicht tragbar für den finanziell
angeschlagenen Euro-Staat gilt. Die Rendite der zehnjährigen
italienischen Staatsanleihen notiert nur leicht darunter, während die
Flucht in sichere Assets die Rendite der Bundesanleihen vom einem
Rekordtief auf das nächste drückt.
Die größte Sorge fokussiert sich nun auf Athen. Nachdem dort die
Regierungsbildung gescheitert ist, wächst die Wahrscheinlichkeit,
dass Hellas aus der Währungsunion ausscheiden wird. Dies ist
zumindest für den Fall das Szenario, dass bei den Neuwahlen Mitte
Juni das Linksbündnis, das sich nicht an die Sparzusagen an die
europäischen Partner halten will, erfolgreich ist. Griechenland
benötigt aber weitere Finanzhilfen, ansonsten droht schon im dritten
Quartal der Staatsbankrott.
Vor diesem Hintergrund vergrößert es die Besorgnis, dass sich der
weltgrößte private Gelddrucker De La Rue laut Finanzkreisen bereits
darauf vorbereitet, wieder die Drachme herzustellen. Ein Übriges tun
Aussagen wie die des EU-Handelskommissars Karel de Gucht, der in
einem stark beachteten Interview mit der belgischen Zeitung "De
Standaard" sagte, das Endspiel in Athen habe begonnen und er wisse
nicht, wie es ausgehen werde. An den Märkten gelten die Folgen eines
Austritts der Griechen aus der Staatengemeinschaft weiterhin als kaum
abzuschätzen. Die Volkswirte der Schweizer Großbank UBS kommen in
einer vor dem Wochenende veröffentlichten Analyse zu dem Ergebnis,
dass es für die Euro-Länder in jedem Fall deutlich günstiger wäre,
wenn man Griechenland in der Gemeinschaft halten und einen Weg zur
Restrukturierung der drückenden Schuldenlast finden könnte. Die
Kosten, die dann auf Europas Steuerzahler zukämen, beziffert die UBS
auf rund 60 Mrd. Euro. Ein Austritt der Griechen aus der Eurozone
könnte hingegen Kosten bis zu 225 Mrd. Euro verursachen, wenn
beispielsweise in anderen angeschlagenen Ländern ein Ansturm auf die
Banken einsetzte oder wenn letztlich sogar die nationalen Notenbanken
rekapitalisiert werden müssten.
Optimisten müssen nun tapfer sein. Ihnen dürfte es zumindest
Hoffnung machen, dass die erste Umfrage, die nun in Athen nach den
Wahlen durchgeführt worden ist, die Chance auf ein Regierungsbündnis
der konservativen Partei Nea Dimokratia und der sozialistischen
Partei Pasok eröffnet. Das Wahlergebnis wird indes erst in vier
Wochen vorliegen. Bis dahin ist es essenziell, dass die zur
Veröffentlichung anstehenden Konjunkturdaten insbesondere aus den
Vereinigten Staaten und aus China die These untermauern, dass die
Weltwirtschaft inzwischen auf einer viel stabileren Basis steht als
noch vor zwölf Monaten. In den nächsten Tagen rückt dabei vor allem
der Auftragseingang für die US-Industrie in den Fokus.
Kurzfristig maßgeblich für die weitere Entwicklung der Märkte
dürfte es allerdings sein, was der EU-Sondergipfel zum Thema
Wirtschaftswachstum am Mittwoch in Brüssel bringen wird. Nur mit
eindeutigen Ergebnissen haben Europas Spitzenpolitiker die Chance,
das Vertrauen der Investoren in die Eurozone ein wenig zu stärken.
Schließlich ist jedem klar, dass es in der Eurozone zu wenig Wachstum
und viel zu viele Schulden gibt, um die aktuelle Krise zu meistern.
Scheitert die Politik daran, einen Weg aus dieser Spirale
aufzuzeigen, könnte dies bereits der Auslöser für einen Rückzug der
Investoren sein.
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Datum: 18.05.2012 - 20:50 Uhr
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