Schwäbische Zeitung: Die EM ist eine Chance - Leitartikel
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beginnt, ist mehr als die Fortsetzung von 13 vorausgegangenen
Europameisterschaften. Das Turnier in Polen und der Ukraine ist ein
Schritt hin zu etwas Neuem; organisatorisch, wirtschaftlich und auch
politisch. Vor allem der Mitveranstalter Ukraine steht im Fokus der
Kritik: undemokratische Zustände, Korruption, Willkür - alles
versinnbildlicht durch die Inhaftierung Julia Timoschenkos. Politiker
jedweder Couleur haben den Fall der misshandelten
Oppositionspolitikerin gegeißelt, Funktionäre kritisieren die
herrschenden Zustände und Sportler wie Nationalelf-Kapitän Philipp
Lahm haben mahnende Worte gefunden - mehr geht nicht. Fußball kann
keine Probleme lösen, an denen die Politik bislang gescheitert ist.
Sport bietet bloß die große Bühne.
Was Sport jenseits der politischen Kabalen kann, das ist Freude
machen, Spaß am Spiel verbreiten, einen klitzekleinen Lichtblick
schenken, Himmelblau statt gewohntem Grau. Der Alltag beschert uns
unsere tägliche Portion Missvergnügen - Euro-Krise, Parteienhader,
Unruhen im Mittleren wie im Nahen Osten. Da bietet der Volkssport
Nummer eins ein Quantum Trost. Ein feines Solo der Zauberzehe Mesut
Özil, ein platzierter Kopfball Miroslav Kloses, eine Prachtparade
Manuel Neuers - sie machen die Welt nicht besser, aber die Gegenwart
erträglicher.
Ab heute Abend läuft das Gegenwartskontrastprogramm. Die
Europameisterschaft ist keine Flucht nach Wolkenkuckucksheim, sondern
ein kurzer Trip zum kleinen Glück. Wenn es gut läuft, dann hat
Osteuropa die Chance genutzt, sich und der Welt zu zeigen, dass man
mehr drauf hat als der Westen glaubt, vielleicht sogar den Mut und
den Willen, politische Missstände zu beseitigen. Wenn Löws Leute am
1.Juli den Pokal in die Höhe stemmen sollten, dann ist ein deutscher
Fußballtraum in Erfüllung gegangen. Und wenn es wieder nicht reicht?
Dann soll es zumindest, bitteschön, wenigstens ein guter deutscher
Auftritt gewesen sein. Anpfiff!!
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Datum: 07.06.2012 - 21:15 Uhr
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