BERLINER MORGENPOST: Menschen, Siege, Sensationen / Leitartikel von Hajo Schumacher
ID: 688686
des Trubels und der hirnlosen Verehrung sinnloser Fähigkeiten. Man
kann Olympia lieben, für die Spannung, den Wettbewerb, das
unmittelbar Dramatische. Wird Britta Steffen sich und die Welt noch
einmal überraschen? Wie stabil ist Robert Harting? Welche junge
Heldin wird in den nächsten vier Wochen geboren? Und wer fällt ins
Nichts der Niederlage? Spannend auch die Frage: Wie wird London?
München, Los Angeles, Moskau, Sydney, Peking - das waren Spiele mit
halbwegs berechenbarem Spirit. London dagegen, Heimstatt der
Bankenzocker, hat noch kein Profil entwickelt. Wird es royal werden,
cool oder einfach nur anstrengend? Wollen die Berliner jemals Olympia
in die Stadt holen, müssen sie sich an der britischen Metropole
jedenfalls messen. Jubelbereite Bürger allein genügen nicht. Eine
funktionierende S-Bahn wäre hilfreich, ein bisschen mehr Siegeshunger
auch. Großbritannien steckt seit einem Jahrzehnt viel Geld in den
Profisport, um die Heimspiele mit reichlich Medaillen zu garnieren.
Soviel Einigkeit kann man sich hierzulande kaum vorstellen. Muss auch
gar nicht sein. Erlaubt ist durchaus die Frage, ob man solche
Hochleistungsspiele überhaupt will. Das Diktat der Sponsoren, die
Inszenierungsmacht des Fernsehens und vermuteter Doping-Betrug sind
nicht das Vorbild für die Jugend, das sich die Olympische Bewegung
einst zum Ziel setzte. Gleichwohl kann sich kaum ein Mensch auf
dieser Erde dem Sog der Spiele entziehen. Ob man Olympia verehrt oder
verachtet - niemandem ist das globale Milliardenspektakel
gleichgültig. Die Spiele dienen vielmehr als Spiegel unserer Träume,
Ängste, Sehnsüchte und als willkommene Ablenkung von Politik in
unsicheren Zeiten. Bunter lassen sich Sommerpause, Eurokrise und
aufziehende Wirtschaftsflaute kaum überdröhnen als mit jungen,
leistungsbereiten Waschbrettbäuchen, die stellvertretend für ihre
Länder einen beispiellosen Cocktail von Emotionen liefern. Warum tun
sie das? Weil sie wollen. Und weil sie können. Wer je einen
Olympioniken im Training erlebt hat, kann ermessen, wie sehr sich
Tausende von Lebensleistungen in den kommenden Wochen zu Dramen
verdichten. Mehr als 10.000 Sprünge absolviert Patrick Hausding im
Jahr in der Europa-Schwimmhalle. Freiwasserschwimmer Thomas Lurz ist
einmal um die Welt gekrault für Gold. Sie alle haben gerackert,
gelitten, akribisch gefeilt für den Traum vom Sieg. Sicher ist aber
nur das Risiko: Statt satter Rente erwartet viele Sportler eine
unsichere Zukunft. Ganz gleich, wie wir Olympische Spiele bewerten -
jedem fairen Wettkämpfer gilt, unabhängig vom Ergebnis, Respekt für
seinen Mut zum Leistungssport.
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Datum: 26.07.2012 - 21:03 Uhr
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