Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Syrien
ID: 693114
Syrien. Niemand wird es stoppen. Auch die USA nicht. Im Gegenteil,
schon vor Monaten hat US-Präsident Obama der CIA freie Bahn gegeben.
Jetzt werden Millionen Dollar für die Aufständischen locker gemacht,
angeblich nur für Kommunikationsinstrumente - glaubt das jemand? Wer
die Geschichte der CIA kennt, bleibt skeptisch. Washington will
seinen Einfluss über die Ära Assad hinaus wahren. Der Despot wird
untergehen, aber niemand weiß, wie lange er sich noch halten kann. Er
ist nicht allein. Moskau und Teheran halten zu ihm. Aber die Russen
sind Schachspieler. Sie denken voraus. Sie brauchen eine Alternative
für ihren Marinestützpunkt Tarsus, dem einzigen ihrer
Mittelmeerflotte. Moskau könnte die Notlage Athens nutzen und über
billige Milliardenkredite politischen Einfluss und Hafenrechte
erkaufen. Gespräche laufen bereits über die slawisch-orthodoxe
Schiene. Zypern hat ebenfalls schon an die Tür des Kreml geklopft. In
der Nato ist man alarmiert. Der Nato-Partner Griechenland ist für die
Sicherheitsarchitektur im östlichen Mittelmeer unersetzlich. In
Syrien wird das wenige Vertrauen, das man zwischen Nato und Moskau
seit 1989 aufbauen konnte, in wenigen Monaten zerschossen. Man fühlt
sich in die Zeiten des Kalten Krieges zurückversetzt. Die UN-Mission
ist krachend gescheitert, die Selbstblockade des Sicherheitsrats
evident. Hinzu kommen die türkischen Ängste vor einem Kurdenstaat.
Schon hat der türkische Premier Erdogan mit einer Intervention
gedroht, weil die syrische Armee die Kurdengebiete im Norden Syriens
verlassen hat und die Kurden bereits über befreite Städte jubeln.
Krisenzeiten haben schon immer die Hoffnung der Kurden auf einen
eigenen Staat belebt. Ein Eingreifen der Türken gegen die Kurden auf
syrischem Boden ist möglich, die Kurden würden kämpfen, der
Bürgerkrieg in Syrien wäre nicht mehr einzuhegen. Auch die Israelis
zeigen sich besorgt. Sollten Islamisten in den Besitz der riesigen
Bestände an chemischen Waffen kommen, dann wird Israel präventiv
intervenieren. Alles andere wäre nach israelischem Verständnis
Selbstaufgabe. In Tel Aviv hofft man, dass Assad als geschwächter
Tyrann überlebt. Das wäre für Israel allemal besser als eine
islamistische Alternative. Und der Iran? Teheran hat in Syrien und
mit Assad alles zu verlieren. Seit Jahren schon bekämpfen sich in der
Region Schiiten und Sunniten, in Syrien ist es zur offenen
Feldschlacht gekommen. Denn die sunnitische Vormacht Saudi Arabien
will genau das erreichen: Ein Schwächung Irans. So werden in Syrien
derzeit gleich mehrere Stellvertreterkriege geführt. Krieg ist immer
eine Niederlage der Menschheit, meinte Papst Johannes Paul II 1990
mit Blick auf den Irak-Krieg. In Syrien ist diese Niederlage erneut
zu besichtigen.
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Andreas Kolesch
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Datum: 02.08.2012 - 20:00 Uhr
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