Börsen-Zeitung: Wahnsinn mit Methode, Kommentar zur wachsenden Regulierungsflut bei Banken, von Ber

Börsen-Zeitung: Wahnsinn mit Methode, Kommentar zur wachsenden Regulierungsflut bei Banken, von Bernd Wittkowski.

ID: 766185
(ots) - Das Jammern über die Regulierung ist der Gruß
des Bankers. Insofern muss man an den zuhörens- bzw. nachlesenswerten
Beiträgen der Vormänner von Deutscher Bank, DZ Bank und Helaba,
Jürgen Fitschen, Wolfgang Kirsch und Hans-Dieter Brenner, auf der
"Euro Finance Week" womöglich die eine oder andere Wertberichtigung
vornehmen. Doch das ändert nichts am Gesamtergebnis: Sie haben mit
ihren Warnungen vor einem Zurückfallen Europas (Fitschen), einem
"regulatorischen Kollaps" (Brenner) oder einem an die
Weltwirtschaftskrise von 1929 erinnernden Strukturbruch (Kirsch)
recht.

Dass das Finanzsystem mit extrem viel heißer Luft in den Bilanzen
bis zum Gehtnichtmehr künstlich aufgepumpt war und somit jede
volkswirtschaftliche Bodenhaftung verloren hatte, weiß heute jedes
Kind. Allgemeingut ist auch, dass die Welt von allzu vielen Akteuren
mit notorischer Kasinomentalität an den Rand des Abgrunds getrieben
wurde, übrigens lange vor dem Stichtag des Maya-Kalenders. Dass
Politiker, sosehr sie mit ihrer globalen Schuldenorgie mitschuldig
sind an dem ganzen Schlamassel, und Regulatoren darauf entschlossen
reagieren müssen: geschenkt. Das bestreiten nicht mal die Banken.

Die Regulierungspraxis aber von Basel III und CRD IV über
Bankenabgaben und Finanztransaktionssteuer, Mifid II oder Emir,
Stresstests und Bankenunion bis hin zu Vorschlägen für ein
Trennbankensystem und Bankentestamente - um nur ein paar prominente
Beispiele zu nennen -, ist schlicht Wahnsinn, und der hat Methode.
Dass die kurz vor der Einführung stehenden neuen Kapitalregeln, auf
die sich zumindest Europas Banken ungeachtet etlicher ungeklärter
Details längst eingestellt haben, nun von den USA grundsätzlich in
Frage gestellt werden, ist leider wohl nur der vorläufige Höhepunkt
des politischen Chaos. So etwas nennt man Realsatire.



Die Regulierungswirklichkeit sieht so aus, dass neue Regeln nicht
hinreichend nach dem Gefährdungspotenzial unterschiedlicher
Geschäftsmodelle differenzieren, dass es entgegen allen Bekundungen
keinen internationalen Gleichlauf gibt, dass niemand die kumulierten
Auswirkungen aller Einzelmaßnahmen überschaut und damit sowohl die
Kosten für die Banken (mit bereits absehbaren Konsequenzen für die
Arbeitsplätze) als auch die Folgen für die Realwirtschaft total im
Dunkeln bleiben.

So kann man eine Branche auch zu Tode regulieren. Vielleicht ist
gerade das die Absicht? Den Rest der gewerblichen Bankgeschäfte
könnte ja auch noch die KfW übernehmen und umso mehr zur Finanzierung
des Staatshaushalts beitragen.

(Börsen-Zeitung, 20.11.2012)



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