Westfalenpost: Die Karteikartenleiche
Von Stefan Hans Kläsener
ID: 810743
Studenten für ihre Examensarbeit Bücher in der Universitätsbibliothek
aus. Sie saßen an den Lesetischen zwischen Bücherstapeln und
schrieben Zitate auf Karteikarten, die dann in Zettelkästen
verschwanden. Schrieb ein Student das Zitat nicht wortgetreu auf und
machte sich nur Stichworte, dann konnte er allenfalls den
Gedankengang für seine Arbeit verwenden und in den Anmerkungen darauf
verweisen.
Es war eine andere Welt, die akribisches Arbeiten, Selbstdisziplin
und gutes Organisationsvermögen verlangte. Nicht selten hielten die
Studenten eine Doktorarbeit oder einen Aufsatz in den Händen, deren
Argumentation sie schon anderswo gelesen hatten. Querverweise,
korrekte Zitate? Fehlanzeige. Wer schummelte und schluderte, musste
schon einen hellwachen und extrem belesenen Korrektor haben, um
aufzufallen.
Aus dieser Zeit, die noch gar nicht so lange her ist, stammt
Annette Schavans Examensarbeit, die zugleich ihre Doktorarbeit war.
Sie steht nun im Kontext einer Diskussion um heimliches Kopieren von
Texten, wie es damals gar nicht möglich war. Und sie steht im Kontext
einer aufgeladenen politischen Debatte. Annette Schavan, als
Bildungsministerin untadelig, wirkt aus der Zeit gefallen und steht
auf verlorenem Posten.
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Datum: 06.02.2013 - 20:35 Uhr
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