Schwäbische Zeitung: Eltern und Kinder unter Druck - Leitartikel
ID: 850684
immer unglücklicher, obwohl es ihnen materiell meist deutlich besser
geht als den Jungen und Mädchen in anderen Ländern. Reflexartig
könnte man dazu sagen: Die sind wohlstandsverwöhnt, die brauchen mehr
Druck. Das ist aber Unsinn. Ihr Gemütszustand ist nur ein Spiegelbild
der Erwachsenenwelt. Der Nachwuchs wird praktisch mit der Muttermilch
auf seine künftigen Rollen eingeschworen. Mädchen sehen schon bei
Mutti, was ihnen droht: Sie sollen hübsch sein, diszipliniert,
Karriere machen, Kinder kriegen, Statussymbole wie dicke Autos
besitzen; all dies kann einem kleinen Menschen zu schaffen machen.
Auch Brüderlein geht es nicht besser, der Papas Bemühungen verfolgt,
mitfühlend und männlich, Hausmann und Karrierist zugleich zu sein.
Die Eltern geben somit unterbewusst ihren Druck an die Kinder weiter,
die Außenwelt tut ihr Übriges: Noch nie waren die Stundenpläne der
Schüler so voll, so eng getaktet, wer einem Hobby nachgehen will,
braucht eiserne Disziplin. Die Folge: Noch nie gab es so viele
seelische Erkrankungen unter Kindern. Ärzte schlagen Alarm über
Verhaltensauffälligkeiten, Konzentrationsmängel, sozialen Rückzug,
Ess- und Schlafprobleme, Ängste und Depressionen, ja, und auch
Suizide. Glücklich klingt anders. Doch was tun? Kein Mensch will die
leistungsorientierte Gesellschaft abschaffen. Und kein Mensch wünscht
sich eine Rückkehr zur Laissez-faire-Pädagogik der 1970er-Jahre, die
dem Prinzip "einfach alles laufen lassen" folgte. Anderseits macht
Leistung als Selbstzweck nun mal krank, genauso wie strikte
Rollenvorgaben. Eine Gemeinschaft dagegen, die Freiräume und Vielfalt
zulässt, die individuelle Lebensmodelle akzeptiert und fördert, kann
auch Wohlstand wertschätzen und erfreut sich an Leistung. Mit dieser
Sicht fangen wir am besten bei uns selber an. Denn glückliche Eltern
bekommen auch glückliche Kinder.
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Datum: 10.04.2013 - 21:15 Uhr
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