neues deutschland: Presseplätze im NSU-Prozess: Europäische Standards
ID: 852263
Parallele zum NSU-Prozess und dem Konflikt um die Presseplätze. Es
geht hier allein darum, welche Kritik und welche Einmischung sich wer
gegenüber einem Gericht erlaubt. Es geht um Scheinheiligkeit und
Überheblichkeit. Gehen wir zurück ins Jahr 2007. Damals saß Marco W.
aus Uelzen in der Türkei in Untersuchungshaft. Er stand unter
Verdacht, ein 13-jähriges englisches Mädchen während des Urlaubs
sexuell missbraucht zu haben. Seitens deutscher Politiker und Medien
schlug ihm viel Mitgefühl entgegen. Außenminister Steinmeier
verlangte von seinem türkischen Kollegen, Marco W. freizulassen; die
Vorwürfe würden in Deutschland geprüft werden. Der rechtspolitische
Sprecher der Unionsfraktion, Jürgen Gehb, sah einen Beweis, dass die
Türkei »nicht reif« sei für einen EU-Beitritt. Bis in die Spitzen der
EU machte die deutsche Politik ihren Einfluss geltend, um die
türkische Regierung zu etwas zu drängen, das »Anpassung an
europäische Standards« genannt wurde. Und im Kern doch meinte: Die
türkische Regierung solle der türkischen Gerichtsbarkeit gefälligst
eine Anweisung erteilen. Sie tat es schließlich: Marco W. kehrte in
die Bundesrepublik zurück, der Prozess in Antalya fand ohne ihn
statt. Das Gericht sprach ihn am Ende schuldig. In Deutschland wurden
die Ermittlungen mangels Tatverdachts eingestellt. Europäische
Standards, nun lauten sie umgekehrt. Der Deutsche Richterbund ist
verärgert über »populistische Zwischenrufe« an das Münchener Gericht,
sie seien »nicht mehr hinnehmbar«. CSU-Chef Seehofer empört sich über
die Einmischung in die Unabhängigkeit des Gerichts, das sei
Verfassungsbruch. Patrick Kurth von der FDP in Thüringen donnert:
»Die Gewaltenteilung wird in diesem Land verteidigt.« Und Ruprecht
Polenz von der CDU, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, kanzelt
türkische Politiker ab, sie sollten aufhören, am »Rad der Kritik« zu
drehen. Was ist es auch für ein unbilliges Verlangen türkischer
Medien und türkischer Parlamentarier, einen Prozess beobachten zu
wollen, bei dem es - neben weiteren - um acht Morde deutscher
Neonazis an türkischen Migranten geht! Man muss gerechterweise
anfügen: Ein großer Teil der Politiker, bis hinein in die
Bundesregierung, äußert inzwischen Verständnis für die Kritik am
bayerischen Gericht. Häufig jedoch mit einem Beiton, der wiederum nur
mit deutschem Nutzen, nichts mit Prinzipien zu tun hat - sofern sich
um einen »Ansehensverlust«·Deutschlands gesorgt wird. Der Vorsitzende
Münchener Richter Manfred Götzl räumt nun zwar ein, dass einige
Medien später als andere über die Akkreditierung informiert wurden,
jedoch sei es wie es sei. Stellt er sich stur, weil er den Prozess
gar nicht leiten, sondern sich nach einer Entscheidung des
Verfassungsgerichts auswechseln lassen will? Der türkischen Justiz
geht nicht der Ruf voraus, sie sei liberal. Sie ist im Gegenteil
berüchtigt für drakonische Strafen gegen politische Oppositionelle.
Doch richtig ist auch: Internationale Beobachter erfahren dort nicht
solche Hindernisse wie in Bayern. Bei einem Prozess im letzten
September in Istanbul - der Autor kann es bezeugen - wurde einer
Pressedelegation aus Deutschland ein unkomplizierter Zugang zum
Gerichtssaal ermöglicht, trotz sehr kurzfristiger Anmeldung und eines
außerordentlichen Zuschauerandrangs. Bei manchen europäischen
Standards hat eher Deutschland kräftigen Nachholbedarf.
Pressekontakt:
neues deutschland
Redaktion
Telefon: 030/2978-1715
Themen in dieser Pressemitteilung:
Unternehmensinformation / Kurzprofil:
Bereitgestellt von Benutzer: ots
Datum: 12.04.2013 - 17:17 Uhr
Sprache: Deutsch
News-ID 852263
Anzahl Zeichen: 3880
Kontakt-Informationen:
Stadt:
Berlin
Kategorie:
Außenhandel
Diese Pressemitteilung wurde bisher 203 mal aufgerufen.
Die Pressemitteilung mit dem Titel:
"neues deutschland: Presseplätze im NSU-Prozess: Europäische Standards"
steht unter der journalistisch-redaktionellen Verantwortung von
neues deutschland (Nachricht senden)
Beachten Sie bitte die weiteren Informationen zum Haftungsauschluß (gemäß TMG - TeleMedianGesetz) und dem Datenschutz (gemäß der DSGVO).
Die Tageszeitung "neues deutschland" erscheint von diesem Montag an wochentags mit neuem Layout und unter dem Titel "nd.DerTag". Die Wochenendausgabe heißt schon seit fast zwei Jahren "nd.DieWoche". Die Zeitung, die weiterhin als "Sozialistische Tageszeitung"
Viele Berliner Gewerbemieter beantragen Mietstundungen ...
Fast ein Viertel aller Gewerbemieter der Berliner landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft WBM haben für Mai und Juni eine Mietstundung beantragt. Darüber berichtet die in Berlin erscheinende Tageszeitung "neues deutschland". Das geht aus einer noch unveröffentlichten Antwort der Senatsver
"neues deutschland": EU-Abgeordnete Demirel: Mindestlohn unter zwölf Euro bedeutet Armutslohn ...
Die Europaabgeordnete der LINKEN Özlem Alev Demirel hat sich für eine schnelle Erhöhung des Mindestlohns in Deutschland auf wenigstens zwölf Euro pro Stunde ausgesprochen. "Alles andere bedeutet Armutslohn", sagte die Abgeordnete, die u.a. im Sozialausschuss des EU-Parlaments tätig is
Weitere Mitteilungen von neues deutschland
Kaster: Russische Gesellschaft ist bereits weiter als Kremlspitze ...
Der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, Bernhard Kaster, hielt sich vom 8. bis 10. April zu Gesprächen in Moskau auf. Mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sprach er insbesondere über den verschärften Umgang des russischen Staates
Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel zur Blockade in Washington: Obamas stärkste Waffe von Thomas Spang ...
Der Präsident will die Blockade in Washington durchbrechen, indem er seine Gegner gnadenlos vorführt. Barack Obama versucht mit einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche, den politischen Stillstand in Washington zu überwinden. Er umschmeichelt republikanische Senatoren bei privaten Dinne
neues deutschland: Historiker Zeuske: "Der tote Chávez ist unbesiegbar" ...
Bei den Präsidentschaftswahlen am 14. April stehen die Zeichen eindeutig auf einen Sieg für Nicolás Maduro, dem vom verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez auserkorenen Stellvertreter. Auch Michael Zeuske, renommierter Historiker für iberische und lateinamerikanische Geschichte, geht in der T
Mehr als 200 Organisationen fordern zügiges Ende der Überfischung in Europa ...
Sperrfrist: 11.04.2013 00:05 Bitte beachten Sie, dass diese Meldung erst nach Ablauf der Sperrfrist zur Veröffentlichung freigegeben ist. Gemeinsame Pressemitteilung Bundesministerin Ilse Aigner (CSU) und ihre EU-Kollegen müssen für den Wiederaufbau der europäischen FischbestÃ




