Börsen-Zeitung: Entzugserscheinungen, Marktkommentar von Christopher Kalbhenn
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unterschiedliche Auswirkungen haben. Solange der Nachschub
funktioniert, entfalten sie beruhigende oder euphorisierende
Wirkungen. Mit der Zeit brauchen die Süchtigen jedoch mehr von dem
Stoff, um überhaupt noch eine positive Wirkung empfinden zu können,
und wird die Zufuhr reduziert oder gar ganz eingestellt, können sich
sehr schnell garstige Entzugserscheinungen einstellen. Ein wenig wie
die Junkies führen sich derzeit auch die Finanzmärkte auf. Beschwingt
von der Geldflut der Notenbanken und der Zusage der
Euro-Währungshüter, gegebenenfalls unbegrenzt Staatsanleihen zu
kaufen, falls die Refinanzierungszinsen den hoch verschuldeten
südeuropäischen Staaten in zu große Nöte zu stürzen drohen, haben
Risiko-Assets einen Höhenflug erlebt. Vor kurzem noch im Höhenrausch,
verspüren die Märkte nun aber auf einmal die gefürchteten
Entzugserscheinungen. Gut ablesbar ist das am als Angstbarometer
geltenden Volatilitätsindex VDax, der in die Höhe gesprungen ist.
Aber auch die vermeintlichen "Safe Havens", die grotesk
überbewerteten Top-Staatsanleihen, sind unverhofft unter Druck
geraten.
Vorbereitung gestartet
Dabei kann von einem Mangel an Liquidität noch keine Rede sein.
Nach wie vor pumpt die amerikanische Zentralbank Fed Monat für Monat
85 Mrd. Dollar auf den Markt, und die japanischen Währungshüter haben
sich ihr angeschlossen und blähen nun ebenfalls ihre Bilanz kräftig
auf. Die Bilanz der Europäischen Zentralbank (EZB) hat zwar Luft
abgelassen. Doch von Entzug kann nicht die Rede sein. Dass die Banken
immer weniger das Gefühl haben, auf EZB-Kredite angewiesen zu sein,
um Ungemach zu verhindern, und diese nun abbauen, ist alles andere
als ein beunruhigendes Signal. Um die Märkte zum Zittern zu bringen,
reicht nach den kräftigen Kurssteigerungen von Aktien, Credits,
Peripherieanleihen und dergleichen mehr nun aber bereits die
Aussicht, dass der Tag, an dem das Angebot knapper wird, in
absehbarer Zukunft kommen wird. Die Fed hat den Entzug in gewisser
Weise bereits eingeleitet, indem sie damit begonnen hat, die Märkte
auf das Ende der Geldflut kommunikativ vorzubereiten - allerdings
noch ohne einen konkreten zeitlichen Plan dafür vorzulegen.
Für Risiko-Assets ist das ein Risiko für die kommenden Monate.
Zwar kann eine Korrektur der deutlichen Marktbewegungen der
zurückliegenden Monate - gerade am japanischen Aktienmarkt und beim
Wechselkurs des Dollar zum Yen - nicht wirklich verwundern. Das
schrie geradezu nach Korrektur. Für anhaltende Unruhe dürfte jedoch
gesorgt sein. Denn das Thema wird keineswegs von der Bildfläche
verschwinden. Vielmehr wird die kommunikative Vorbereitung des Endes
der ultralockeren Geldpolitik in den nächsten Monaten ein lästiger
Begleiter der Märkte bleiben und für allerlei Unwohlsein sorgen. Sehr
treffend hat Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Assenagon, das Problem
dargestellt. "Auch in Europa wird das Geld knapper. Selbst wenn die
Notenbank so marktschonend wie möglich vorgeht, wird die Volatilität
der Märkte zunehmen. Für den längerfristigen Trend fragt sich, was an
die Stelle der Liquiditätshausse tritt." Der Übergang von einer
liquiditätsgetriebenen zu einer wie auch immer fundamental
begründeten Rally werde in jedem Fall holprig.
Wenn die Marktteilnehmer ehrlich sind, werden sie sich
eingestehen, dass sie der Rally der Risiko-Assets der zurückliegenden
Monate ein schlechtes Zeugnis ausstellen. Die aktuelle Unruhe zeigt,
dass darauf gesetzt wurde, dass die Geldpolitik und die niedrigen
Zinsen selbst dann für immer weiter steigende Kurse sorgen werden,
wenn die fundamentalen Rahmenbedingungen nicht mitspielen, das heißt
die Belebung der Konjunktur und damit eine bessere Entwicklung der
Unternehmensgewinne ausbleibt beziehungsweise sich in eine fernere
Zukunft verschieben sollten. Da die Verfassung der Weltwirtschaft
nach wie vor nicht so richtig überzeugen kann und auch nicht
unterschieden werden kann, wie sehr das aktuell geringe
Wirtschaftswachstum von den üppigen monetären und fiskalischen
Stimulanzien abhängig ist, bleibt es dabei, dass der Risiko-Rally
vorerst eine solide fundamentale Basis fehlt.
Allerdings haben die Stützungsmaßnahmen den Blick auf die Realität
nicht ganz vernebeln können. Ein Teil der Risiko- Assets hat sich
auch während der Rally eher mäßig entwickelt. Es ist bezeichnend,
dass es sich mit den Emerging-Markets-Aktien und den zyklischen
Rohstoffen um Segmente handelt, die besonders konjunktursensibel
sind.
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Datum: 07.06.2013 - 20:50 Uhr
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