Neue Westfälische (Bielefeld): KOMMENTAR
Rücktritt von Matthias Platzeck
Der Unvollendete
ALEXANDRA JACOBSON, BERLIN
ID: 917817
Rücktritte von Politikern. Zumeist waren diese Abgänge das Resultat
individueller Fehlleistungen und nicht ganz freiwillig (etwa bei
Franz Josef Jung, Karl Theodor zu Guttenberg oder Annette Schavan).
Dass jemand wegen seiner angeschlagenen Gesundheit die politische
Bühne verlässt, ist eher selten. Matthias Platzeck gebührt Respekt
für diesen Schritt, der der Welt demonstriert, dass es Wichtigeres
gibt als das Amt des brandenburgischen Ministerpräsidenten.
Leichtgefallen sein wird dieser Rücktritt dem "Deichgrafen" trotzdem
nicht, denn als Landesvater in Potsdam hatte er seinen Traumjob
gefunden. Platzecks zarte Gesundheit hat ihn schon einmal vorzeitig
zur Aufgabe gezwungen. Nach nur 146 Tagen gab er 2006 das Amt des
SPD-Vorsitzenden wieder ab. Dabei ist es schade, dass Platzeck von
der Konstitution her so wenig robust beschaffen ist. Er hat durchaus
Qualitäten, die die brandenburgischen Grenzen überragt haben und die
ihn vielleicht sogar eines Tages ins Kanzleramt gebracht hätten.
Seine Bewerbungsrede auf dem SPD-Parteitag 2005 in Berlin wird
unvergessen bleiben: Da redete jemand ganz ohne abgedroschene
Sprechblasen und ohne Machoallüren, ganz direkt, menschlich und
charismatisch. Seine Genossen verzückte er geradezu. Konsequent und
stark konnte der Sensible notfalls auch sein. Als Platzeck 2002
Ministerpräsident werden wollte, warb er im Wahlkampf schnörkellos
für die damaligen Agendareformen der SPD - und gewann. Zuletzt hat es
für große Auftritte nicht mehr gereicht, vor allem als
Aufsichtsratsvorsitzender beim Monsterflughafen BER machte Platzeck
im Vergleich zum dynamisch wirbelnden Flughafenchef Hartmut Mehdorn
eine unglücklich zaghafte Figur. Sein wahrscheinlicher Nachfolger
Dietmar Woidke tritt trotzdem in große Fußstapfen.
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Datum: 29.07.2013 - 20:40 Uhr
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