Spinner statt Spießer: Warum wir in Deutschland mehr Regelbrecher brauchen – Fortschritt kommt vo

Spinner statt Spießer: Warum wir in Deutschland mehr Regelbrecher brauchen – Fortschritt kommt vom Außenseitertum

ID: 96934
(firmenpresse) - Von Gunnar Sohn

Halle an der Saale – Rund 200 Innovationschefs diskutierten beim forward2business-Zukunftskongress in Halle http://www.forward2business.com den unternehmerischen Wert von Grenzverletzungen und Regelbrechern. „Regelbrecher sind wie Herzensbrecher, die mit sehr viel Engagement Neues bewirken“, sagte Zukunftsforscher Dr. Karlheinz Steinmüller, wissenschaftlicher Direktor von Z-Punkt http://www.z-punkt.de. „Sie werden allerdings von der Öffentlichkeit nicht geliebt. Sie werden als Störenfriede bezeichnet, weil sie Gewohnheiten über den Haufen werfen. Sie gelten als Spielverderber, weil sie die existierenden Gesetze des Spiels verletzen. Sie sind Grenzverletzer, weil sie immer über die Demarkationslinie hinwegspringen. Sie sind Querköpfe, weil sie im Dauerkonflikt mit der Mehrheitsmeinung liegen. Sie sind Starrköpfe, weil sie beharrlich ihre Ziele verfolgen“, erläuterte Steinmüller in seinem Vortrag. Regelbrecher seien auch kreative Zerstörer, vor denen kein etabliertes Geschäftsmodell sicher sei. Gerade jene Unternehmer, die sich am sichersten fühlen, seien am meisten gefährdet durch die Regelbrecher. Das könne man zur Zeit in der Automobil- und Finanzbrache beobachten.

„Es gibt Muster, die man bei Regelbrechern erkennen kann. Als Albert Einstein die Quantentheorie des Lichts vor über hundert Jahren entwickelte, hat er zwei Dinge zusammengerührt, die überhaupt nicht zusammengehören: den Teilchen- und Wellencharakter des Lichts. Die Physiker waren entsetzt und haben dann gesehen, dass das sinnvoll ist. Oder Arnold Schönberg, der mit seiner Zwölftonmusik gegen den vorherrschenden Musikgeschmack verstoßen hat“, erläuterte Steinmüller.

Zu den Auffälligkeiten würden neuartige Kombinationen, neue Verwendungszwecke und neue ästhetische Gewohnheiten zählen, die vor allen Dingen in den kreativen Milieus gedeihen, wie es Professor Richard Florida auf den Punkt gebracht hat. Überall dort, wo Talent, Technik und Toleranz aufeinandertreffen, könnten richtige disruptive Innovationen oder Sprunginnovationen entstehen.



Was notwendig sei, um ein günstiges Klima für Störer und Innovatoren zu schaffen, sei eine Kultur des Karnevals, Narrentums und des Scheiterns. Das gelte für Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Management. Im Vordergrund stehe heute das einseitige Streben nach Erfolg und nicht der kreative Umgang mit dem Misserfolg. Zudem brauche Deutschland nicht nur Querdenker, sondern mehr Quermacher. „Medien sollten sich vom Starkult verabschieden und einen Blick fürs Visionäre an den Tag legen. Da gibt es dann nicht mehr Sendungen wie ‚Deutschland sucht den Superstar’ und ‚Dschungelcamp’, sondern ‚Deutschland sucht den kreativen Zerstörer’ oder ‚Vom Spießer zum Spinner’“, empfiehlt der Science Fiction-Kenner.

Ähnliche Fundamentalkorrekturen forderte Professor Michael Zerr, Präsident der Karlshochschule http://www.karlshochschule.de, für die Universitäten. „Was an deutschen Hochschulen läuft, ist Stoff-Bulemie: reinschaufeln, auskotzen, vergessen. So funktioniert die Wirtschaftswissenschaft bislang wie ein Jahrmarktsverkäufer. Hier noch eine Leberwurst und eine Salami – einen Büchsenöffner gibt es noch kostenlos dazu. Ein bisschen Jura, Mathe und Rechnungswesen. Regeln, Regeln, Regeln und das ist es dann“, beklagte sich Zerr. Studenten sollten lernen, Dinge in Frage zu stellen, beispielsweise über den Sinn des Controllings. „In erster Linie handelt es sich um eine Inszenierung von Rationalität. Unsere Studenten beschäftigen sich damit, wie man eine kalkulatorische Wirklichkeit inszeniert, welche Rituale sich im Management abspielen, welche Metapher verwendet werden, um in einer Organisation Mikropolitik zu mache. Das ist das Programm unserer Universität“, sagte Zerr in Halle.

Studenten würden sich mit den Wirklichkeitskonstruktionen auseinandersetzen aus Sicht der etablierten Wirtschaft und aus Sicht der Regelbrecher. Dann komme man irgendwann zu den Möglichkeiten des Wandels und der Innovation. Manager müssten heute intelligent stören. Schöner Scheitern statt Benchmarking sollte ihre Devise sein.

Egal, ob man den Regelbruch in Organisationen kultiviert oder nicht, wäre es nach Ansicht des IT-Personalexperten Udo Nadolski schon ein großer Fortschritt, wenn sich Manager, Politiker und Wissenschaftler von ihrer Rationalitätsgläubigkeit verabschieden und stärker mit dem Unerwarteten kalkulieren würden. „Den von Joseph A. Schumpeter geprägten Begriff der kreativen Zerstörung muss man in seinen Konsequenzen auch zu Ende denken. Wer gesellschaftliche und wirtschaftliche Phänomene nur in Aggregatzuständen wahrnimmt und berechnet, vernachlässigt den ständigen Prozess von Innovationsrevolutionen. Technologien und Geschäftsmethoden können über Nacht wertlos werden. Etablierte Branchen gehen unter und neue entstehen. Da helfen auch milliardenschwere Konjunkturpakete nicht weiter, denn Regelbrecher lassen sich davon wenig beeindrucken“, so Nadolski, Geschäftsführer von Harvey Nash http://www.harveynash.com/de.
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