Homo Faber war gestern: Umweltingenieure und Geoökologen proben konstruktive Konfliktbearbeitung
ID: 970416
Komplexe Großbauvorhaben wie Stuttgart 21, der Flughafen BER oder der Ausbau der Energie- bzw. Stromnetze zeigen: Überall dort, wo viele Einflussfaktoren und die Interessen unterschiedlichster Stakeholder aufeinander prallen, sind Konflikte vorprogrammiert, die zu Beeinträchtigungen oder gar zum Stillstand des politisch-administrativen Systems führen können. Die Realität zeigt, dass rasch Konflikte eskalieren können, wenn neben der technischen und ökonomischen nicht auch die soziale und ökologische Dimension einer Entscheidung adä-quat berücksichtigt wird.
Dieser Erkenntnis Rechnung zu tragen und angehenden Umweltingenieuren Handlungskompetenzen für eine konstruktive Konfliktbearbeitung zu vermitteln, war das Ziel des Seminars „Beteiligungsverfahren / Procedures of Participation“, an dem Bachelorstudenten des Studiengangs Umweltingenieurwesen (Bau) der Berliner Beuth Hochschule im vergangenen Sommersemester erstmalig teilnahmen. Ähnlich wie für die Parallelveranstaltung „Partizipation in der Umweltplanung“ an der Universität Potsdam legt die Lehrbeauftragte der MEDIATOR GmbH, Dipl.-Ing. Beate Voskamp, Wert auf ein grundsätzliches Verstehen und Anwenden von kooperativen Konfliktrege-lungsverfahren. „Gerade Ingenieure profitieren davon, ihr technisches Wissen um Kompetenzen für Kommunika-tion und Partizipation zu ergänzen. Denn eine gelingende Stakeholderkommunikation wird zukünftig noch wichti-ger für den Erfolg von Veränderungsprozessen im öffentlichen Bereich werden“, sagt Seminarleiterin Voskamp. Analysen aus Praxisfällen wie der Verfahrensvergleich des Schlichtungsprozesses Stuttgart 21 mit dem Mediati-onsverfahren für den Flughafen Wien gingen mit dem Besuch von aktuellen Beteiligungsprojekten wie dem Work-shop zum Stromnetzausbau des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft e.V. oder einer öffentli-chen Veranstaltung zu Renaturierungsmaßnahmen von Berliner Gewässern einher. Zusammen mit wissenschaft-lichen Erkenntnissen aus Sozial- und Kommunikationswissenschaften bildeten sie den abwechslungsreichen Inhalt der Lehrveranstaltung mit den Schwerpunkten:
-Ziele, Funktionen und Nutzen von Partizipation
-Rechtliche Grundlage und Einsatzmöglichkeiten partizipativer Verfahren
-Beteiligte und Betroffene und ihre Rolle im Planungsprozess
-Methoden, Verfahren und Evaluation von Partizipation, Mediation und Moderationsprozessen.
Im Gegensatz zu den oft noch im klassischen Frontalunterricht durchgeführten Lehrveranstaltungen galt es in diesem Seminar, die Idee des Dialogs und der Beteiligung selbst zu erleben. „Angehenden Umweltingenieuren wie uns, die sich mit ihren Planungen meist im öffentlichen Raum bewegen und damit zwangsläufig in die Le-bensbereiche vieler Menschen eingreifen, wurden die Potenziale und der Nutzen vor Augen geführt, frühzeitig Beteiligte und Betroffene einzubinden und adäquate Vorgehensweisen zum Umgang mit Projektsteuerungs- und kommunikativen Herausforderungen an die Hand zu bekommen“, lautet die positive Bilanz eines Kursteilneh-mers. Dem Ziel, zukünftig Konfliktbearbeitungsprozesse strukturiert und praxisnah gestalten sowie gemeinsam mit Betroffenen und Beteiligten tragfähige Lösungen erarbeiten zu können, sind die Studenten mit dieser Veran-staltung ein gutes Stück näher gekommen.
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