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Neuauflage der Arbeitszeitdebatte in Deutschland überfällig

09.11.2004 - 12:03 | 14137
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(firmenpresse) - Köln/Berlin/Neuss - Die Bundesregierung ist mit ihrem Feiertags-Streichvorschlag zwar kläglich gescheitert, aber nach Auffassung des WDR-Redakteurs Wolfgang Otto hat sich an der Dauer-Debatte diesmal doch entscheidendes geändert: Und das ist die Haltung der SPD in dieser Frage: "Als Wirtschaftsminister Clement vor nicht allzu langer Zeit die Republik zu mehr Arbeit aufforderte, da war das Entsetzen bei den Sozialdemokraten noch ziemlich einhellig. Clement war isoliert und stand mal wieder unter dem Verdacht, von FDP-nahem Gedankengut infiziert zu sein. Jetzt zauberten der Kanzler und sein Finanzminister die Mehrarbeits-Forderung aus dem Hut. Und auch wenn die Feiertags-Idee schnell wieder im Hut verschwand, so ist das Thema doch in der Welt. Wer für den gleichen Monatslohn mehr arbeitet, macht Arbeit billiger, kurbelt die Wirtschaft an und sichert Arbeitsplätze. Das ist die Logik, die hinter den verschiedenen Vorschlägen steht. Union und FDP haben das immer schon so gesehen, auch viele Grüne. Aber für viele Sozialdemokraten ist das eine ziemlich neue Erkenntnis", so Otto in einem Kommentar in WDR 2 http://www.wdr.de/radio/wdr2.

Die SPD-Spitze stimme heute darin überein, dass die pauschale Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche nicht sinnvoll sei, flexible Lösungen für Branchen und Betriebe aber durchaus einen Sinn hätten. Das klingt zunächst nicht sehr spektakulär. Für den WDR-Redakteur Otto zeigt sich dennoch eine Richtungsänderung. "Immer mehr führende Sozialdemokraten sehen einen Zusammenhang zwischen der Höhe der Löhne auf der einen Seite und der Höhe des Wachstums und der Beschäftigung auf der anderen Seite. Gleicher Lohn für mehr Arbeit kann positive Wirkungen haben. Wie teuer darf Arbeit hierzulande also sein, damit Unternehmen nicht ins Ausland abhauen oder ganz dicht machen? Das ist die Frage, die die Bundesregierung offen in den Raum stellt. Und der Verdacht, dass es die Gewerkschaften dabei in der Vergangenheit zum Beispiel mit der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich übertrieben haben, macht sich offenbar auch in der SPD breit. Und das ist schon bemerkenswert", betont Otto.



Zuständig für Arbeitszeit und Lohnhöhe seien zwar die Tarifparteien, also Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände. Aber die Stimmungslage in der Politik spiele schon eine Rolle. Nach Meinung von Michael Müller, Geschäftsführer der a & o after sales & onsite services GmbH in Neuss http://www.ao-services.de, sei die Aufregung über die Notwendigkeit längerer Arbeitszeiten nicht nach vollziehbar. "Das ist eine Diskussion der Ewiggestrigen", sagte Müller gegenüber der ARD-Nachrichtensendung "Tagesthemen".

Kunden würden sich nicht für Wochenarbeitszeiten interessieren, sondern für erbrachte Dienstleistungen seines Unternehmens. Um die Unternehmen im internationalen Wettbewerb zu stärken, dürfe man allerdings nicht nur die Wochenarbeitszeit betrachten, sondern generell die Jahresarbeitszeit und die Lohnkosten. "Rund 42 Urlaubs- und Feiertagen hierzulande stehen beispielsweise 36 in Frankreich oder 23 in den USA gegenüber. Die Löhne in Deutschland stiegen seit 1950 um 1.600 Prozent, die Arbeitszeit sank im Gegenzug um 18 Prozent. Der Staat tat das Übrige, diesen Prozess der Verteuerung und Verknappung von Arbeit zu fördern, obwohl er ihn hätte bremsen müssen. Nur die Holländer und Norweger arbeiten heute weniger als die Deutschen", so Müller.

Zur Blütezeit des deutschen Wirtschaftswunders 1960 betrug die durchschnittliche jährliche Arbeitszeit in Deutschland fast 2.200 Stunden. Nur in Japan wurde damals mehr gearbeitet. "Heute arbeitet ein Erwerbstätiger in Deutschland im Durchschnitt nur noch etwa 1.500 Stunden. Während die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland in den vergangenen 30 Jahren nahezu permanent gestiegen ist, ist die Regelarbeitszeit ständig gesunken. Wenn Arbeitszeitverkürzung ein wirksames Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sein sollte, dann hat es in Deutschland auf ganzer Linie versagt", kritisiert Müller. Weiterbildungskosten, Kündigungsschutz und Sozialabgaben seien weitere Faktoren, die die Fixkosten pro Arbeitsplatz nach oben treiben. "Für die Unternehmen wirkt sich das auf die Arbeitsnachfrage negativ aus: Sie substituieren Arbeit durch Kapital. Die Ursache der Massenarbeitslosigkeit in Deutschland ist mit Sicherheit nicht in zu langen Arbeitszeiten zu suchen, wie es die Gewerkschaften gebetsmühlenhaft behaupten", führt Müller weiter aus.

Selbst die Exportstärke sei kein Indikator für die Wettbewerbsfähigkeit, wie es in der Arbeitsmarktdebatte als Argument für hohe Lohnkosten permanent herangezogen werde. "Deutsche Unternehmen sind aus zwei Gründen noch international wettbewerbsfähig. Erstens, weil sie die teure deutsche Arbeit nur noch sehr sparsam einsetzen, und zweitens, weil sie im grossen Stil Teile der Produktion längst in Länder verlagert haben, die geringere Lohnkosten aufweisen. Die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen wird mit fast fünf Millionen Arbeitslosen erkauft und das muss aufhören", fordert Müller, der als Wirtschaftssenator beim Bundesverband mittelständische Wirtschaft aktiv ist.



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Freigabedatum: 09.11.2004


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