Rheinische Post: Narren-Herrschaft
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Brauchtum ernstnimmt, darf den Sturm der Narren auf unsere Rathäuser
durchaus als Machtwechsel begreifen. Sicher, das jecke Gerangel ist
bloß zum Lachen - doch wurde zuletzt mancherorts aus solcher
Bierseligkeit Bierernst: In Duisburg wählte das Volk den
Bürgermeister ab, in Stuttgart setzte das Volk den Bau seines neuen
Bahnhofs durch. Volkes Stimme hat Gewicht; Rousseau meinte gar, dass
sie die Stimme Gottes sei. Wächst hierzulande also wieder der
plebiszitäre Einfluss? Erleben wir den Wandel von der repräsentativen
zur direkten Demokratie? Gemach. Tatsächlich ist der anscheinend
immense Einfluss begrenzt: Dem Volk fehlt die Möglichkeit zur
Beratung; eine Meinungsbildung findet kaum statt. Zudem bekommt es
die Entscheidungen letztlich immer nur gestellt, also regelrecht
vorgesetzt. Und überhaupt: Wer und was ist eigentlich "das Volk"?
Seine vermeintliche Herrschaft dient der Demokratie darum vor allem
als Ventil; die jetzige Herrschaft der Narren aber als ihre
Legitimation. Weil nach den jecken Tagen und dem Treiben traditionell
dieses Urteil über die närrischen Herrscher gefällt wird: Sie
können's einfach nicht. Und auch das ist eine Botschaft des
staatstragenden Karnevals.
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Rheinische Post
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Datum: 16.02.2012 - 20:00 Uhr
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