Lausitzer Rundschau: Muster ohne Wert
Zum Antrittsbesuch von Bundespräsident Gauck in Polen
ID: 604944
zugeflogen. Bei seiner ersten Auslandsreise prasselte in Warschau Lob
von allen Seiten auf den neuen Bundespräsidenten nieder. Die
Liberalen um Ministerpräsident Donald Tusk sehen in ihm vor allem den
Herold der Freiheit und des geeinten Europas. Die Konservativen und
Anti-Kommunisten um Ex-Premier Jaroslaw Kaczynski bewundern Gauck als
Stasi-Jäger. Und die gesamte Nation fühlt sich geehrt durch die
warmen Worte des deutschen Staatsoberhauptes, der die Polen mit ihrer
Freiheitsliebe immer wieder als sein Vorbild preist. Bei Joachim
Gauck darf man sich sicher sein, dass es sich bei den Komplimenten
nicht um die üblichen diplomatischen Bauchpinseleien bei einer
Antrittsvisite handelt. Immer wieder betonte er an den beiden
Besuchstagen, dass ihm die Polenreise "ein Herzensanliegen" sei. Das
sorgte für beste Stimmung bei ihm und seinen Gastgebern, die Lust auf
künftige Großtaten machen sollte. All das ist gut und schön und
richtig. Doch niemand sollte die Wirkung von Gaucks Heimspiel bei
seinen alten polnischen Freunden überbewerten. Wenn er seinem eigenen
Gestaltungsanspruch gerecht werden will, der für einen
Bundespräsidenten mit seinen begrenzten Kompetenzen besonders schwer
zu erfüllen ist, wird Gauck mehr liefern müssen. Mit dem Versuch,
direkt von Warschau aus nach Paris weiterzufliegen, um auch dem
deutsch-französischen Verhältnis einen ersten eigenen Stempel
aufzudrücken, ist der Präsident gescheitert. Schon wahr: Der
französische Staatschef Nicolas Sarkozy befindet sich im Wahlkampf
und hat weder Zeit noch Sinn für einen faktisch machtarmen
Repräsentanten aus Berlin. Doch die "Abfuhr für Gauck", von der
hinter den diplomatischen Kulissen gemunkelt wird, sollte ihm ein
erstes Warnzeichen sein, die Ausstrahlung und Wirkungskraft der
eigenen Person nicht zu überschätzen. So gesehen war die Polenreise
des neuen Bundespräsidenten kaum mehr als ein Muster ohne Wert.
Immerhin aber hat Gauck bewiesen, dass er es kann. Der 72-Jährige ist
ohne Zweifel ein würdiger Repräsentant der Bundesrepublik. Sein
Temperament mag ihm das eine oder andere Mal noch einen Strich durch
die diplomatische Rechnung machen. Doch mit seiner ehrlichen und
offenen Herzlichkeit wird er sich und seinem Land noch viele Freunde
auch im Ausland machen.
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Datum: 27.03.2012 - 21:50 Uhr
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