Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Mord an Lena
ID: 608203
Hoffnung, der Mord an der elfjährigen Lena sei schnell aufgeklärt
worden, hat sich zerschlagen. Der festgenommene Tatverdächtige ist
wieder auf freiem Fuß. Alle von den Ermittlern zusammengetragenen
Indizien, die sogar einen Haftbefehl zugelassen hatten, sind durch
Fakten widerlegt. Diese Erkenntnis ist ebenso fatal wie schmerzlich.
Fatal in erster Linie für den 17-Jährigen, der festgenommen und
unnötigerweise in Handschellen zum Verhör gebracht wurde. Es ist
nicht verwunderlich, dass sich gerade in einer kleinen Stadt wie
Emden die Identität des Schülers in Windeseile verbreitete. Das
Internet und hier speziell die sozialen Netzwerke tragen mittlerweile
maßgeblich dazu bei - und fachen wie in diesem Fall einen
Flächenbrand an. Name und Adresse kursierten, wurden nicht nur bei
Facebook verbreitet. Mordaufrufe machten die Runde. Vor dem Haus
versammelten sich Schaulustige und Medienvertreter, an der
Polizeiwache rotteten sich Menschen zusammen, riefen dazu auf, den
»Täter« zu lynchen. Das alles ist schon entsetzlich und beschämend
genug. Ohne Geständnis und nicht zu widerlegende Beweise gilt nun
einmal generell die Unschuldsvermutung. Und das auch bei einem so
schrecklichen und unfassbaren Verbrechen wie dem Mord an einem Kind.
Der Schutz der Persönlichkeit aber wurde in diesem Fall mit Füßen
getreten. Von dem Mob vor dem Polizeigebäude und von den Gaffern am
Wohnhaus des 17-Jährigen. Ihm bleibt zu wünschen, dass er die Kraft
hat, das unsägliche Geschehen schadlos zu überstehen. Ein Weg, der
für einen Heranwachsenden in diesem Alter, also in einer Phase der
Selbstfindung, sehr steinig werden kann. Kritik muss in diesem Fall
jedoch auch an die Adresse der Medien gerichtet werden. Zu schnell
wurde aus dem Tatverdächtigen der Mörder. Eine Vorverurteilung, die
es so nicht geben darf. Mit der Bekanntgabe ihrer vorläufigen
Ermittlungsergebnisse haben Polizei und Staatsanwaltschaft fraglos
einen großen Anteil dazu beigetragen. Auch wenn der Druck der
Öffentlichkeit nach einer möglichst schnellen Aufklärung des Mordes
an Lena enorm war: Mit ein wenig mehr Zurückhaltung und einer
zusätzlichen Portion Sorgfalt wären die Auswüchse trotz der zu dem
Zeitpunkt sicher richtigen Festnahme des Tatverdächtigen vermutlich
zu vermeiden gewesen. Bei all diesen Gedanken aber darf der unsagbare
Schmerz der Angehörigen nicht in Vergessenheit geraten. Sie haben
nicht nur ihre Tochter, Schwester und Enkelin auf grausame Art
verloren und am Freitag zur letzten Ruhe begleiten müssen - sie
müssen vorerst auch ihre Hoffnung begraben, dass Lenas Mörder hinter
Schloss und Riegel sitzt und für seine Tat zur Rechenschaft gezogen
werden kann. Wenn überhaupt, wird erst das dazu führen, das
schreckliche Geschehen zu verarbeiten.
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Westfalen-Blatt
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Andreas Kolesch
Telefon: 0521 - 585261
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Datum: 30.03.2012 - 20:00 Uhr
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