Neue Westfälische (Bielefeld): KOMMENTAR
Amerika und der Fall Trayvon
Lizenz zum Töten
DIRK HAUTKAPP, WASHINGTON
ID: 608212
einem Land, das Europa zunehmend fremder wird. Nach jedem
Schulhofmassaker, nach jeder Bluttat, die es landesweit länger als
einen Tag in die Abendnachrichten der großen Fernsehsender schafft,
kaufen Amerikaner das nächstbeste Waffengeschäft leer. Aus Angst,
Politiker könnten ihnen per Gesetz ihre Schießeisen wegnehmen. So war
es, als 2008 der erste schwarze Präsident ins Weiße Haus gewählt
wurde. So wird es jetzt sein, nachdem ein 17-Jähriger, ebenfalls
schwarz, in Florida auf dem Nachhauseweg durch eine eingezäunte
Wohnanlage einem zur Selbstjustiz entschlossenen weißen Wachmann zum
Opfer gefallen ist. Dieser pathologische Reflex, im richtigen
Augenblick das Falsche zu tun, war zuletzt zu beobachten, als vor
einem Jahr ein Geisteskranker in Arizona sechs Menschen erschoss und
die Kongressabgeordnete Gabriele Giffords lebensgefährlich verletzte.
An ihrer herzzerreißenden Genesung richtete sich das Land über Monate
auf und weinte Tränen der Rührung. Vor den Ursachen für ihr Martyrium
- grotesk lasche Waffengesetze - verschließt es bis heute die Augen.
Darum das verdunkelnde statt erhellende Schwarzer-Peter-Spiel
zwischen Medien, Politik und Polizeibehörden, seit Trayvon Martin tot
ist. Und George Zimmermann, der Schütze, noch immer auf freiem Fuß.
War es Rassismus? Unterschwellig gewiss. Haben Polizei und
Staatsanwaltschaft versagt? Aber ja. Leistet die durch abgeschlossene
Wohnkomplexe ("gated communities") wachsende Bunkermentalität der
Stigmatisierung gesellschaftlicher Minderheiten Vorschub? Und ob.
Sind Schwarze latent noch immer Menschen zweiter Klasse, wenn es um
Recht und Gerechtigkeit geht? Alle Zahlen von Festnahmen,
Verurteilungen und Gefängnisbelegungen belegen es. Trotzdem: Solche
Fragen mit Nebenkriegsschauplatz-Charakter bringen das amerikanische
Selbstgespräch in der Hauptsache nicht weiter. Trayvon Martin starb,
weil die Allgegenwart von Waffen im Alltag bedrückend ist. Trayvon
Martin starb, weil perverse Erst-schießen- dann-fragen-Gesetze
existieren, die dem Individuum in über 20 Bundesstaaten juristische
Immunität geben, wenn es sich subjektiv bedroht fühlt und von der
Lizenz zum Töten Gebrauch macht. Amerika verliert sich als
Rechtsstaat. Über diesen Irrsinn müsste gestritten werden. Auch
meinungsstarke Leuchtturm-Medien tun dies nur mit spitzen Fingern.
Amerika und seine Politiker fürchten die Debatte, die bei 13.000
Schusswaffentoten und 50.000 Schussverletzten im Jahr überfällig ist,
mehr als den islamistischen Terrorismus: Wie kann man verhindern,
dass 300 Millionen Pistolen, Revolver und Gewehre in Privathaushalten
immer wieder finalen Schaden anrichten? Der Verweis, dass die
Freiheit zur Notwehr der kulturelle Gründungsmythos Amerikas ist,
entwertet sich als ein von rücksichtslosen Lobbygruppen genährter
Fluch einer Industrie, die im Jahr fast vier Milliarden Dollar
umsetzt.
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Datum: 30.03.2012 - 20:30 Uhr
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