WAZ: Schwer verwundet in die Schlacht. Leitartikel von Dirk Hautkapp
ID: 614542
Handtuch zu werfen: Es markiert das Ende eines Boxkampfs um Ideen,
der komplett unter der Gürtellinie verlaufen ist. Das auf
Verächtlichmachung angelegte Vorwahlsystem in Amerika stand kurz vor
dem moralischen Bankrott. Das Schlechte: Der Mann, der als Sieger in
den Kampf gegen Amtsinhaber Barack Obama zieht, hängt mit vielen
Platzwunden und Beulen bereits schwer in den Seilen.
Mitt Romney hat sich so weit auf die rechtspopulistische, religiös
eingefärbte Außenbahn abdrängen lassen, dass der Rückmarsch in die
wahlentscheidende Mitte beschwerlich wird; dorthin also, wo nicht die
Bibel das Gesetz ist und man die Tea-Party-Rumpelstilzchen immer
schon peinlich fand. Auch wenn der Ostküsten-Moderate für seine
elastischen Überzeugungen bekannt ist: Die Neuerfindung, die ihm
diesmal abverlangt wird, hat es in sich.
Romney hat in der Vorwahl-Geisterbahn wichtige Wählergruppen mit
radikalen Positionen (Abtreibung, Sozialleistungen und Einwanderung)
tief erschreckt. Bei Frauen, Vertretern der unteren Mittelklasse, bei
den Armen und den Latinos ist der Multimillionär längst unten durch.
Sich hier neues Vertrauen zu erwerben, ohne dass ein Sieg am 6.
November dieses Jahres unmöglich ist, zwingt den Technokraten in
einen schmerzhaften Spagat. Er muss a) Friedensangebote an verprellte
Wählerschichten und das Sammelbecken der Unabhängigen formulieren und
b) gleichzeitig das von der religiösen Rechten angefangene
Trommelfeuer auf Errungenschaften einer liberal-modernen Gesellschaft
beibehalten.
Der frühere Risiko-Kapital-Investor hat in diesem Experiment viele
offene Flanken. Mit seinem lächerlich geringen Einkommenssteuersatz,
den verborgenen Konten in Steueroasen und seinem Credo für
Steuersenkungen, weniger Sozialstaat und einem von Regulierung
befreiten Kapitalismus verkörpert Romney das, was Obama und die
Demokraten in den Mittelpunkt rücken: die drastischer werdende
Spaltung einer einst auf Mobilität für alle geeichten Gesellschaft.
Heute stehen sich in ihr wenige Alleshaber Abermillionen gegenüber,
die sich abstrampeln und so eben über die Runden kommen.
Fazit: Amerika startet in einen Gerechtigkeits-Wahlkampf mit
europäischen Anklängen. Wer hätte das gedacht?
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Datum: 11.04.2012 - 20:04 Uhr
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