Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar
Olympische Winterspiele in Sotschi
Absurde Wahl
JÜRGEN HÖPFLS
ID: 1016673
begonnen haben, kom-men zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Das sollten
und dürfen selbst die Herren der Ringe im Internationalen Olympischen
Komitee, dem für Zweitmeinungen ansonsten wenig empfänglichen IOC,
nicht bestreiten: Die olympische Idee steht mitsamt ihrer
historischen Ideale mehr denn je zur Debatte. Das Volk hinterfragt
generell den Sinn überbordender Veranstaltungen, die eine Stadt in
einen teuren und überdimensionalen Ausnahmezustand versetzen, ehe sie
in eine langwierige Nachdepression verfällt. Obendrein führt das
leidige Dopingproblem auch nicht gerade dazu, dass die Menschen dem
Spitzensport und seinen Vertretern ohne Misstrauen huldigen. In einer
Hinsicht aber wäre und ist das IOC schlicht überfordert, wenn es
schon der Rest der Welt nicht so ohne Weiteres schafft: Der Sport
kann nicht jenes Unbehagen beseitigen, das einen beim Gedanken an die
Politik des russischen Staats-chefs Wladimir Putin befällt. Vor allem
nicht unter dem neuen Oberolympier Thomas Bach - der hat die Trennung
von Sport und Politik seit dem Olympiaboykott von Moskau 1980 zum
Credo erklärt. Russland war schon seinerzeit ein olympischer
Krisenherd. Aber auch andere Gastgeberstädte standen durch die Spiele
im Zentrum einer verstärkten Widermeinung, ohne dass sich etwas
verändert hätte: Albertville verschandelte für die Winterspiele 1992
die französischen Alpen, indem es eine seelenlose Retortenkulisse
errichtete. Salt Lake City 2002 hatte ein gnadenloses
Korruptionsproblem. Und Peking 2008, nun ja, scherte sich sowieso um
nichts, aber auch gar nichts, was man von außen zart erhofft hatte.
In Sotschi wird also nicht die erste olympische Veranstaltung
stattfinden, bei der üble Naturzerstörungen, undurchsichtige
Schiebereien und politische Großmannssucht vorherrschen. Spiele wie
in Barcelona 1992, Lillehammer 1994, Sydney 2000 oder London 2012,
die sämtlichen Bedenken trotzten, wo am Ende der Nutzwert und
Imagegewinn den Aufwand gerechtfertigt haben, sind da eher eine
Ausnahme. Die Frage ist derweil, wie das IOC als Mitgastgeber neben
Putin mit dem Dilemma umgeht. Doch hier drängt sich der fast
unangenehme Eindruck auf, dass die traditionell schlechte
Öffentlichkeitsarbeit der Strategen vom Genfer See, wo das Komitee in
Lausanne logiert, auch unter Thomas Bach bisher keine Verbesserung
erfahren hat. Es wirkt fast ein bisschen beleidigt, wenn sich der
neue Boss nun hinstellt und Staatsoberhäupter tadelt, die auf ihren
Besuch vor Ort verzichten. Schön zu erfahren war es, freilich arg
spät dafür, dass die Winterspiele stattfinden, wo sie stattfinden -
weil das IOC olympische Anschubhilfe leistet: Der Wintersportnation
Russland waren nach dem Zerfall der Sowjetunion die Sportstätten
verlustig gegangen. Teilweise wurden russische Landesmeisterschaften
bis nach Berlin verlegt. Ob der Sommerkurort Sotschi am Schwarzen
Meer der geeignete Anschubstandort ist, darf jedenfalls verneint
werden - er ist eine absurde Wahl und der Beweis, wie Putin das IOC
überfahren hat. Wird von diesen Winterspielen, die als solche nie den
Charme von Sommerspielen und deutlich weniger Freunde haben,
irgendein brauchbarer Impuls für die olympische Idee ausgehen, die
dergleichen bedarf? Das ist ohne Vorabskepsis fraglich.
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Datum: 07.02.2014 - 20:30 Uhr
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