BERLINER MORGENPOST: Ein gelungenes Experiment/ Ein Leitartikel von Jens Anker

BERLINER MORGENPOST: Ein gelungenes Experiment/ Ein Leitartikel von Jens Anker

ID: 1069846
(ots) - Dreieinhalb Millionen Einwohner und Zehntausende
Touristen tummeln sich täglich in Berlin, fahren zur Arbeit, gehen
Einkaufen, sitzen in der Kneipe oder liegen auf der Wiese. An kaum
einem Ort der Republik ist das Leben so vielfältig wie in Berlin. Da
bleibt Streit nicht aus. 16.000 Vollzugsbeamte der Polizei versuchen
24 Stunden lang, das friedliche Zusammenleben in der Stadt zu sichern
und da, wo es nicht klappt, wiederherzustellen. In einer
beispiellosen Aktion dokumentierte die Polizei nun alle eingehenden
Notrufe zwischen Freitagabend und Sonnabendabend auf dem
Kurznachrichtendienst Twitter. Vom orientierungslosen Hasen auf einer
Straßenkreuzung bis zur leblosen Person auf einer Parkbank war alles
dabei. Tausende Berliner verfolgten die Aktion - mal staunend, mal
lachend, mal schaudernd.

Die Transparenzoffensive der Polizei sollte einen Einblick in ihre
vielfältige Arbeit geben und vor allem bei jüngeren Berlinern
Interesse für den Beruf des Polizeibeamten wecken. Das Experiment ist
mehr als gelungen. Wer die Einsätze auf Twitter verfolgte, lernte
schnell, dass der Beruf nicht darin besteht, Gangstern
hinterherzujagen, sondern vor allem darin, zu vermitteln und zu
schlichten. Der ungeheuerliche Alltag zwischen Nachbarn, Kunden oder
Kneipengästen beschäftigt die Beamten viel mehr als alles andere. Das
Experiment bestätigte aber auch: Berlin ist eine der sichersten
Städte in Europa. Nicht ein einziges Mal kam es in den 24
dokumentierten Stunden zum Einsatz von Waffengewalt.

Der Beruf des Polizisten hat sich in den vergangenen Jahren stark
verändert. Das Image der Beamten hinkte dieser Entwicklung hinterher.
Lange gelang es nicht, das Bild vom martialischen "Bullen", das in
den 80er-Jahren auch von der Polizei selbst befeuert wurde, zu
korrigieren. Seitdem hat die Berliner Polizei viel unternommen. Mehr


als 100 Beamte sind freigestellt, um Prävention zu betreiben,
Polizisten gehen in die Schulen und stellen ihre Arbeit vor, die
Beamten werden geschult, um angemessen zu handeln. Es geht um einen
möglichst respektvollen Umgang miteinander, auch wenn das nicht immer
leichtfällt. Im Alltag auf der Straße ist häufig mehr der Psychologe
gefragt als der Ordnungshüter.

Wer seit Freitagabend in Berlin bei Twitter mitverfolgt hat, wie
die Beamten zwischen Betrunkenen schlichten, hilflose Personen retten
oder verzweifelte Menschen beruhigen müssen, zeigt jetzt hoffentlich
mehr Verständnis für die Arbeit der Polizei.

Der Leitartikel im Internet: www.morgenpost.de/128833875



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Chef vom Dienst
Telefon: 030/2591-73650
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Datum: 07.06.2014 - 18:29 Uhr
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