Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu den Bayreuther Festspielen
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Hamburgs Kaufleute mit der Elbphilharmonie vorgemacht und die
Berliner Großmannssüchtler mit ihrem Flughafen nachgeahmt haben,
können Germaniens Götter schon lange: sich mit der Baufirma streiten.
Die Fasolt & Fafner KG baut Walhall, aber der Preis, eine absolut
göttliche Frau, ist natürlich zu hoch, und so nimmt das Verhängnis
seinen Lauf. 1. Akt: Vor einem Jahr, kurz bevor Angela Merkel das
Bayreuther Festspielhaus betrat, polterte ein Brocken von der Decke
herab, aber ein Bautrupp räumte ihn sofort wieder weg, und die
Kanzlerin kam nicht zu Schaden. Es dauerte dann jedoch ein weiteres
Dreivierteljahr, ehe sich die Familie Wagner, die
Stiftungsmitglieder, der Bund, das Land (Bayern), die Region
Oberfranken und schließlich sogar Bayreuths aus Prinzip bockbeinige
Oberbürgermeisterin auf die Sanierung des Hauses geeinigt hatten.
Gerade rechtzeitig, um an diesem Freitag einen unfallfreien Auftakt
mit dem »Tannhäuser« zu garantieren. Jetzt ist die ehrwürdige
Spielstätte eingerüstet, bröckelnder Putz fällt hin, wohin er fallen
soll, nicht Frau Merkel auf den Kopf. Und dann kommt die
Bundeskanzlerin nicht mal. 2. Akt: Richard Wagner brauchte 15 Stunden
und vier Opern, um Walhall zu bauen und wieder einzureißen. Gut, er
konnte auf die Unterstützung des Fenriswolfs und der Midgardschlange
rechnen, aber trotzdem: reife Leistung! Anders Wagners Erben. Ihr
Streit währt im Grunde seit 1966, als Wolfgang Wagner alleiniger Chef
wurde. Zunächst ging es um künstlerische Fragen, aber dann
diskutierte man mehr als fünf Jahre (so lange ist bekannt, dass das
Festspielhaus generalsaniert werden muss) über 30 Millionen Euro. Für
diesen läppischen Betrag bekommt man im Hamburger Konzert höchstens
einen Sitzplatz (hinten) und in Berlin einen Rauchabzug (defekt). 3.
Akt: Immerhin eines haben die Parteien geschafft: Sie haben außer dem
Finanziellen auch eine neue Satzung geregelt. Bund und Bayern halten
jetzt 58 Prozent an der Festspiel-GmbH - der Zankapfel ist
mehrheitlich in staatlicher Hand. Wer in des Bundes notorisch klamme
Kulturkassen blickt und Bayerns sprunghafte Spezln kennt, der ahnt,
dass die Einigung am Grünen Hügel nicht zwingend der Auffindung des
Rheingolds gleichkommt. Wer andererseits die Ränke um Deutschlands
berühmtestes Musikereignis leid ist, darf hoffen, dass künftig kühle
Rechner den Nachen in ruhiges Gewässer lenken. Wagner-Freunde dürfen
an dieser Stelle applaudieren. Coda: Falls Sie das mit der eingangs
erwähnten, von Wotan gelinkten Baufirma noch nie gehört haben, holen
Sie sich die Vierfach-CD mit Stefan Kaminskis »Ring des Nibelungen«.
Slapstick nach Wagner, liebevoll gemacht. Und nach nur 300 Minuten
sehn wir beim Glenfiddichtrinken hinterm Dachfirst die Epoche sinken:
Götterdämmerung. Und Vorhang.
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Andreas Kolesch
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Datum: 22.07.2014 - 21:05 Uhr
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