Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel von Christine Straßer zum Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs
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der Superlative, historische Vergleiche bemüht werden. Vor 100 Jahren
begann der Erste Weltkrieg, vor 75 Jahren der Zweite, und die Mauer
fiel vor 25 Jahren. In diesen ersten Augusttagen ist der Blick fast
zwangsläufig zurückgerichtet. Am Freitag jährte sich der Ausbruch des
Warschauer Aufstands gegen die deutsche Besatzung im Zweiten
Weltkrieg zum 70. Mal. Am Samstag erinnert eine Gedenkfeier in
Auschwitz an die Auflösung des sogenannten Zigeunerlagers vor 70
Jahren. Am Montag besuchen Bundespräsident Joachim Gauck und
Frankreichs Staatschef François Hollande die Gedenkstätte am
Hartmannsweilerkopf. Am 3. August 1914 hatte Deutschland dem
Nachbarland den Krieg erklärt. Es muss an den im Gedenkjahr -
zumindest im Unterbewusstsein - kurzschlussartig verschalteten
Gehirnströmen liegen und daran, dass der Ukrainekonflikt genau 100
Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs eskaliert ist, dass der
Vergleich von 1914 und 2014 in Mode gekommen ist. Dabei ist dieser
Vergleich nicht nur nicht überzeugend, er ist schlichtweg auch an den
Haaren herbeigezogen. Vor 100 Jahren ging es um einen insbesondere
durch Geheimdiplomatie geprägten Konflikt. Die europäische
Öffentlichkeit bekam von der Auseinandersetzung bis kurz vor dem
Ultimatum Österreich-Ungarns an Serbien am 23. Juli 1914 so gut wie
nichts mit. Bei dem Ukrainekonflikt hingegen handelt es sich um ein
wesentlich auf die Weltöffentlichkeit gerichtetes Kräftemessen.
Größere Unterschiede als zwischen diesen beiden Formen von
politischen Auseinandersetzungen sind kaum möglich. Noch ein
Unterschied zu 1914 ist augenfällig. In der Ukraine stehen sich keine
gleichwertigen Gegner gegenüber. Es fiebern auch keine bis an die
Zähne gerüsteten Staaten auf einen Kampf um die Vorherschaft um
Europa hin. Der Ukrainekonflikt weißt mehr Ähnlichkeiten mit hundert
anderen Auseinandersetzungen auf als ausgerechnet mit dem Vorabend
des Ersten Weltkriegs. Insgesamt ist die globale Mächtekonstellation
heute eine ganz andere als zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Seit
Jahrzehnten belauern sich die europäischen Staaten nicht mehr
argwöhnisch, wie dies 1914 der Fall war. Ganz im Gegenteil. Sie haben
sich zu einem Staatenverbund mit einzigartiger Integrationstiefe
zusammengeschlossen: der Europäischen Union. Der Ukrainekonflikt hat
dazu geführt, dass sich die Europäische Union - eigentlich erstmals -
zu einer gemeinsamen Außenpolitik zusammengerauft hat. Die 28
EU-Staaten einigten sich auf Wirtschaftssanktionen gegen Russland.
Nach langem Hin und Her. Aber immerhin standen die Staaten
schließlich zusammen. Eine militärische Intervention der EU ist
hingegen unvorstellbar. Man muss sich das vor Augen führen: Eine
Verkehrsmaschine wurde abgeschossen. Fast 300 Zivilisten starben.
Doch auch auf diesen ungeheuren Verstoß gegen die europäische
Friedensordnung reagiert die EU nicht mit militärischen Mitteln. Auch
die USA machen keine Anstalten, militärisch einzuschreiten. Die
Zurückhaltung ist richtig - und zeigt wie weit entfernt der Ausbruch
eines neuen Weltkriegs ist. Wer sich mit historische Analogien
intensiv beschäftigt, stellt fest, wie unzureichend diese Vergleiche
sind. Es gibt keine klaren Muster. Jede einzelne historische
Konstellation ist unerhört komplex. Die Geschichte lehrt aber, wie
gefährlich es gerade in Krisensituation ist, den Gesprächsfaden
abreißen zu lassen. Insofern handelt die EU richtig, wenn die Staaten
um Einigkeit bemüht sind und auf das Gespräch mit Russland setzen.
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Datum: 01.08.2014 - 18:58 Uhr
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