Westfalen-Blatt: zum Krisenherd Naher Osten
ID: 1113482
Hoffnungen auf Demokratie und Stabilität im Nahen und Mittleren
Osten. Nach dem Ende der Diktatoren Saddam Hussein im Irak, Muammar
al-Gaddafi in Libyen und Husni Mubarak in Ägypten sollten
Unterdrückung und Korruption durch Freiheit, Mitbestimmung und eine
unabhängige Justiz ersetzt werden. Und wie sieht es im September 2014
tatsächlich aus? Verheerend! Nirgends gibt es so viele Krisenherde,
nirgends herrscht so viel Chaos, nirgends sonst bekämpfen sich
Volksgruppen und Religionsgemeinschaften wie Schiiten und Sunniten so
erbittert. Zwar wurde in Tunesien beim Aufruhr frustrierter, junger
Menschen vor gut drei Jahren der Diktator Zine el-Abidine Ben Ali
weggejagt, aber in Syrien ist Baschar al-Assad weiter an der Macht
und in Ägypten regiert der General Abdel Fattah al-Sisi mit harter
Hand. Warum klappt es nicht mit der Demokratie? Warum bietet nur
Israel seiner Bevölkerung wirkliche politische Mitbestimmung und
wirtschaftliche Freiheit? Weil die allermeisten Länder im Nahen Osten
nicht aus Traditionen herausfinden, die wie Fesseln wirken und den
Weg in die Moderne verbauen. Stämme und Clans bestimmen die
Geschicke, sie schanzen ihren Mitgliedern Einfluss und Wohlstand zu
und bekämpfen sich ansonsten. In Ländern wie dem Jemen, Ägypten,
Libyen und Syrien herrschen Vetternwirtschaft und Korruption,
lukrative Jobs werden nicht nach Eignung, sondern aufgrund von
Beziehungen vergeben. Als »tribes with flags«, als Stämme mit
Flaggen, werden diese Länder oft gekennzeichnet. In ihnen herrscht
zudem ein abstruser Personenkult. Muammar al-Gaddafi mit seinen
lächerlichen Uniformen war ein groteskes Beispiel dafür, dass
vermeintlich starke Männer angehimmelt werden wollen. Hinzu kommt:
Die Länder haben nur wenig oder keine Erfahrung mit Demokratie. Das
galt auch für das Nachkriegsdeutschland. Die Demokratie in der
Weimarer Republik scheiterte an den Hypotheken des Ersten Weltkriegs,
Massenarbeitslosigkeit und der Gewalt von Nazis und Kommunisten. Nach
Hitlers Ende stieß die von Amerikanern und Briten von außen gebrachte
Demokratie auf eine von der Diktatur geheilte Bevölkerung. Die
Deutschen wollten Frieden und Sicherheit und begrüßten die
Demokratie, weil mit ihr eine positive wirtschaftliche Entwicklung
einsetzte. Heute ist sie selbstverständlich. Im Nahen Osten wirkt
Demokratie vor allem auf junge Araber verlockend, die mitbestimmen,
eine gute Ausbildung und gleiche Rechte wollen, aber die breite Masse
möchte vor allem Ruhe und Brot. Welche Herrschaftsform das
sicherstellt, ist für sie zweitrangig. Dabei ist unstrittig:
Demokratie, also politische Teilhabe und freie wirtschaftliche
Betätigung, machen aus armen Ländern wohlhabende. Solange im Nahen
Osten aber weiter die Clans regieren und Religionsgruppen sich
bekriegen, bleibt es eine Region des Scheiterns.
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Andreas Kolesch
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Datum: 25.09.2014 - 21:00 Uhr
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