Westfalen-Blatt: zur Berlinale
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Bärenhunger: Gemeinsam mit 17 weiteren Regisseuren aus aller Welt
bewerben sie sich bei der Berlinale um den »Goldenen Bären«. Und
irgendwo, halb unterm Ladentisch, läuft das SM-Geplänkel »Fifty
Shades of Grey«, ein Film für - wie der »Spiegel« ätzte - schwäbische
Hausfrauen, Vollzeitbademantelträger und Pädagogikstudis außer Rand
und Band. Ein bisschen Spaß muss sein (Roberto Blanco), aber im Iran
und in Nordkorea sieht man das ganz anders und ballt die Faust.
Khomeinis militante Erben ärgern sich den Spliss in den Fusselbart,
dass Dieter Kosslick einen Film von Jafar Panihi zeigt und den
verfemten iranischen Regisseur in die Jury einlädt - zum fünften Mal
schon. Fünfmal vergeblich. Auf seine subversive Art kann der
Berlinale-Chef genauso stur sein wie die Mullahs. Kim Jong-un
wiederum kriegt Pickel bei der Vorstellung, dass lauter Kopien des
Skandalfilms »Das Interview«, an Luftballons hängend, über die Grenze
geflogen kommen (eine Aktion von »Cinema for Peace«), denn was nützt
der schönste Hackerangriff auf Sony Pictures, wenn eine kleine
idealistische Latzhosenbrigade ausreicht, den Steinzeitkommunismus
vorzuführen. Dann mach ich mir 'nen Schlitz ins Kleid und find es
wunderbar (Ingrid Steeger) - nur bitte nicht bei der Berlinale: Als
1961 dem Busenwunder Jayne Mansfield die enge Robe platzte, trübte
sich das Verhältnis Bonn-Washington ein, und 1979 wäre fast das ganze
Festival geplatzt, als der Ostblock abreiste (wegen des
Antivietkong-Kriegsfilms »The Deer Hunter«). Kinkerlitzchen. Im 21.
Jahrhundert jedoch, vor dem Hintergrund des weltweiten Terrors, muss
sich Kosslick nicht nur um die Kunst, sondern auch um die Sicherheit
seiner Gäste kümmern. Allein schon die Vorstellung, beim
besucherstärksten Filmfest der Welt patrouillierten Soldaten mit
Sturmgewehr über den Potsdamer Platz, macht schaudern. Berlin hat in
diesen Februartagen mehr zu verlieren als nur den Slogan »arm, aber
sexy« (Klaus Wowereit). Optimisten mögen sich damit trösten, dass die
Kunstform Film bislang nicht mit Beleidigungen aufgefallen ist - ganz
im Gegensatz zur gezeichneten Satire. Die Leinwand scheint weniger
Angriffsfläche zu bieten als Zeitschriftenpapier. Und ganz unrecht
hat auch der nicht, der auf den Unterschied zwischen Demarchen von
(Regierungs-)Institutionen und Angriffen aus dem Nichts hinweist.
Bislang jedenfalls haben Teheran und Pjöngjang noch nicht geschossen,
aus der Anonymität aufgetauchte Individuen wie 2012 der
»Batman«-Kinoschütze James E. Holmes und die Brüder Kouachi in Paris
hingegen sehr wohl. In asymmetrischen Kriegen versagen die eingeübten
Abwehrmechanismen. Berlin muss 30 Kinos schützen, elf Tage lang. Von
seinen zum Filmfest besonders belebten Plätzen nicht zu reden. Hoffen
wir, dass es 441 Mal ungestört »Film ab!« heißt.
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Datum: 04.02.2015 - 21:00 Uhr
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