Neue Westfälische (Bielefeld): Pflegenotstand Traurig, aber wahr CARSTEN HEIL

Neue Westfälische (Bielefeld): Pflegenotstand
Traurig, aber wahr
CARSTEN HEIL

ID: 1185593
(ots) - Plötzlich war da nur noch eine Pflegekraft.
Eigentlich kümmerten sich immer zwei gut ausgebildete Frauen um die
Bewohner der Demenzstation. Doch ein schlichter Krankheitsfall beim
Personal sorgte dafür, dass die Betreuung für mehrere Tage drastisch
ausgedünnt wurde, die Bedürftigen stärker sich selbst überlassen.
Plötzlich brach der pflegende Angehörige selbst zusammen. Er konnte
nicht mehr. Seit Jahren kümmerte er sich aufopferungsvoll um die
bedürftige Ehefrau, bis zu 18 Stunden am Tag und immer auf dem
Sprung, denn jederzeit konnte etwas passieren. Seine Nerven wurden
immer reizbarer, nun war Schluss, und eiligst musste ein Pflegeplatz
im Heim her. Fälle aus dem Pflegealltag in Deutschland. Diese
Beispiele werden zunehmen, das zeigen alle Statistiken. Vor allem die
Pflege von Demenzkranken wird eine große Herausforderung werden. Aber
mit Pflege ist kein Geld zu verdienen. Jedenfalls nicht mit
qualitativ hochwertiger Pflege, die den Patienten seelisch und
körperlich gerecht wird. Im Gegenteil, sie ist teurer, als es jede
Pflegeversicherung bezahlen kann. Deshalb tut sich wenig, die
Bundesregierung sitzt notwendige Reformen seit Jahren aus. Mit der
Folge, dass die Schere zwischen Bedarf an Pflegekräften und fertig
ausgebildeten immer weiter aufgeht. Pflege muss u. a. besser bezahlt
und als hervorragende Leistung anerkannt werden, damit das Land
überhaupt ausreichende Kräfte gewinnen kann. Die bessere
Vereinbarkeit von Beruf und Pflege ist eine Unsinns-Forderung. Je
nach Art der Erkrankung ist die Pflege eines Angehörigen ein
Vollzeit-Job, ein Knochen-Job, den niemand so nebenbei machen kann in
drei Stunden am Tag oder mal für vier Monate. Was kommt danach?
Privat Pflegende müssen anders entlastet werden. Doch die
Gesellschaft ist nicht mal in der Lage, den aufopferungsvoll
kämpfenden pflegenden Angehörigen die entsprechende Anerkennung


entgegenzubringen. Traurig.



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Datum: 12.03.2015 - 20:45 Uhr
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