Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel von Katia Meyer-Tien zum Bahnstreik
ID: 1202172
alle eines gemeinsam: Mit großangelegten Streikaktionen drängen sie
in diesen Wochen immer wieder in die Öffentlichkeit. Und so
unterschiedlich die Forderungen der Betroffenen sind: Es ist kein
Zufall, dass es gerade diese Berufsgruppen sind. Sind sie doch in
großem Maße von jenem Wandel betroffen, der unsere Gesellschaft mit
größtmöglicher Mobilität in die Zukunft führen soll: Personen und
Güter müssen immer günstiger und schneller von einem Ort zum anderen
gelangen. Die Streikenden erleben eine Arbeitswelt im Umbruch, in der
die einen bangen um einst garantierte Karriere- und
Alterssicherungssysteme und die anderen kämpfen für eine Vergütung,
die den veränderten Anforderungen gerecht wird. Eine weitere
Gemeinsamkeit haben die Streiks in diesen Wochen: Diejenigen, die
unter den Ausständen leiden, sind vermeintlich unbeteiligte Dritte.
Streiken die Lokführer der Deutschen Bahn, die Piloten der Lufthansa
oder die Paketsortierer bei Amazon, so sind es zwar auch die
Fluggesellschaften oder Logistikunternehmen, die großen finanziellen
und immateriellen Schaden davontragen. Es sind darüber hinaus aber
auch Tausende andere betroffen, die keinerlei unmittelbaren Einfluss
auf die Erfüllung oder Nichterfüllung der Forderungen nehmen können:
Geschäftsreisende und Urlauber, die geplante Meetings oder
langersehnte Pauschalreisen verpassen, ebenso wie Unternehmen, bei
denen die Produktion zum Erliegen kommt, wenn dringend benötigte
Teile nicht mehr geliefert werden. Sinnvoll klingt da die Forderung,
in solchen Fällen, in denen Dritte massiv betroffen sind, ein
geändertes Streikrecht einzuführen. Eine gesetzliche Regelung, die
lange Vorlaufzeiten vorsieht, so dass sich alle Betroffenen auf den
Ausstand einstellen können. Und doch würde eine solche Regelung das
Streikrecht massiv schwächen. Denn Arbeitskämpfe müssen wehtun, um
überhaupt etwas bewirken zu können. Dabei ist es höchst
problematisch, dass es momentan ausgerechnet Spartengewerkschaften
wie die GdL und die Pilotenvereinigung Cockpit sind, denen es am
effektivsten gelingt, immer wieder große Teile des öffentlichen
Lebens lahmzulegen, um ihre teils machtpolitisch motivierten
Partikularinteressen durchzusetzen. Und dass sie dabei den Eindruck
entstehen lassen, als seien sie an einer ernsthaften Kompromisslösung
des Konfliktes am Verhandlungstisch kaum interessiert: So erscheinen
die Arbeitskämpfe tatsächlich als demokratisch legitimiertes
Erpressungsmanöver. Das geplante Tarifeinheitsgesetz soll dem
Einfluss von Kleingewerkschaften Schranken setzen. Das kann als
wichtiges Korrektiv dienen und soll verhindern, dass das Streikrecht
für die Durchsetzung von Partikularinteressen missbraucht wird. Das
Streikrecht darüber hinaus zu beschränken, wäre allerdings
gefährlich: Es muss Arbeitnehmern möglich sein, auf Missstände
aufmerksam zu machen und für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen.
Gelingt das nicht am Verhandlungstisch, kann es - als letztes Mittel
- notwendig sein, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und so
politische Entscheidungsprozesse anzustoßen, einen öffentlichen
Diskurs über die Maximen, die für die Arbeitswelt in unserer sich
wandelnden Gesellschaft gelten sollen. Wie wichtig sind
Kündigungsschutz und faire Bezahlung? Welche Sonderregelungen sollen
für welche Berufsgruppen in welchem Alter gelten? Und auch: Wie soll
Arbeitnehmervertretung in Zukunft gestaltet werden? Viele der Fragen,
für die heute auch gestreikt wird, sind Fragen, die die gesamte
Gesellschaft betreffen. Und wenn dem so ist, dann ist es auch
legitim, wenn auch die gesamte Gesellschaft von den Folgen des
Streiks betroffen ist. Denn jeder einzelne kann auch Einfluss auf die
langfristigen Ergebnisse dieser Streiks nehmen. Vielleicht nicht
unmittelbar, aber auf jeden Fall am nächsten Wahlsonntag.
Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
nachrichten@mittelbayerische.de
Themen in dieser Pressemitteilung:
Unternehmensinformation / Kurzprofil:
Bereitgestellt von Benutzer: ots
Datum: 21.04.2015 - 20:46 Uhr
Sprache: Deutsch
News-ID 1202172
Anzahl Zeichen: 4408
Kontakt-Informationen:
Stadt:
Regensburg
Kategorie:
Gewerkschaften
Diese Pressemitteilung wurde bisher 419 mal aufgerufen.
Die Pressemitteilung mit dem Titel:
"Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel von Katia Meyer-Tien zum Bahnstreik"
steht unter der journalistisch-redaktionellen Verantwortung von
Mittelbayerische Zeitung (Nachricht senden)
Beachten Sie bitte die weiteren Informationen zum Haftungsauschluß (gemäß TMG - TeleMedianGesetz) und dem Datenschutz (gemäß der DSGVO).
Zukunft geMAInsam gestalten, so hatten die DGB-Gewerkschaften den gestrigen Tag der Arbeit, nun ja nicht besonders originell, überschrieben. Das fade Motto täuscht freilich nicht darüber hinweg, dass die Gewerkschaften hierzulande vor riesigen Herausforderungen stehen. Nach zweieinhalb Jahren C
Als Ministerin untragbar Anne Spiegel hat mit ihrem Verhalten nach der Flutkatastrophe an der Ahr ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Notfalls muss der Kanzler sie rauswerfen. Von Reinhard Zweigler ...
Was waren die Beileidsbekundungen der heutigen Bundesfamilienministerin Anne Spiegel von den Grünen eigentlich wert, die den Hochwasseropfern an der Ahr Betroffenheit bekundete? Ihr sei das Herz schwer und die Trauer lasse sie nicht los, sagte sie zu Beginn der Katastrophe. Doch kurz darauf packt
Die Impfpflicht macht Sinn / Gerade weil viele in der gefährdeten Generation Ü60 noch keine Impfung haben, könnte gesetzlicher Druck Unentschlossene zu dem Pieks bewegen. / Von Reinhard Zweigler ...
Es ist schon seltsam, wie schnell das Drama des Ukraine-Krieges das Aufregerthema der vergangenen zwei Jahre in den Hintergrund gedrängt hat. Corona - war da noch was? Gefühlt ist die Pandemie doch schon vorbei, trotz hoher Infektionszahlen. Die in vielen Bundesländern vollzogenen Lockerungen,
Weitere Mitteilungen von Mittelbayerische Zeitung
BERLINER MORGENPOST: Konfrontation ist keine Lösung / Leitartikel von Björn Hartmann ...
Niemand spricht der Gewerkschaft das Recht ab, die Interessen ihrer Mitglieder zu vertreten. Grundsätzlich aber gilt: Reden wäre besser, ebenso öffentliche Zurückhaltung - auf beiden Seiten. Dann gelingen auch Tarifabschlüsse wie andere, ebenso kämpferische, Gewerkschaften und Branchen imm
Allgemeine Zeitung Mainz: Egoistisch / Kommentar zum Streik bei der Bahn ...
Mal ehrlich: Man mag es nicht mehr hören und erst recht nicht mehr ausbaden. Die Streiks bei der Bahn nerven nur noch, und wenn nicht so viele Menschen und Unternehmen auf das Schienen-Unternehmen angewiesen wären, würde man sich einfach angewidert abwenden. Natürlich geht es bei diesen Tari
phoenix Runde: Schon wieder! Bahnstreik und kein Ende? - Mittwoch, 22. April 2015, 22.15 Uhr ...
An diesem Dienstag streikt die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) schon wieder - zum siebten Mal seit September 2014. Kaum einer hat dafür noch Verständnis. GDL-Chef Weselsky will nicht nur für Lokführer, sondern für das gesamte Zugpersonal Tarifverträge abschließen dürfen.
Tarifeinheit wird Streikprobleme nicht lösen - Keine Klärung bei Lokführer- und Pilotenstreiks ...
Die Bundesregierung schürt mit dem Tarifeinheitsgesetz falsche Hoffnungen: Der Berufsverband DIE FÜHRUNGSKRÄFTE – DFK findet in dem Gesetzentwurf zur Tarifeinheit mehr Fragen als Antworten und auf keinen Fall die Lösung immer wieder auftretender Streikprobleme. „Das Tarifeinheitsgesetz ist




