Westdeutsche Zeitung: Flüchtlinge - der realistische Blick fehlt

Westdeutsche Zeitung: Flüchtlinge - der realistische Blick fehlt

ID: 1261309
(ots) - Heinz Buschkowsky, der alte Praktiker und
Haudegen aus Berlin-Neukölln, hat Recht: Irgendwann wird aus dem
Enthusiasmus dieser Tage Normalität. Und dann kommen die Probleme.
Auch die CSU hat Recht, jedenfalls sofern sie auf die Spätfolgen der
Merkelschen Entscheidung hinweist, die Flüchtlinge aus Ungarn
unkontrolliert nach Deutschland zu lassen. Die erste ist schon an
diesem Wochenende sichtbar: Es kommen noch mehr. Falsch liegt
Hans-Peter Friedrich hingegen mit seiner Bemerkung, es handele sich
dabei um eine "beispiellose Fehlleistung". Der Mann, von dem
beispiellose Leistungen aus seiner Minister-Zeit nicht bekannt sind,
kann nicht sagen, was man denn mit den in Ungarn und Griechenland
Gestrandeten stattdessen hätte tun sollen, die alle nach "Germany"
wollen. Sterben lassen, wie das Kind am Strand von Bodrum oder die
Opfer in den Schlepper-Lastwagen? Ein realistischer Blick auf die
Lage ist gleichwohl dringend nötig. Zum einen auf den noch
anhaltenden Zuzug, der in keiner Weise bewältigt ist, sondern sich
immer unkontrollierter entfaltet. Diese Situation kann der Kanzlerin
auch politisch außer Kontrolle geraten, wenn sie keine europäische
Lösung erreicht. Die Uhr tickt unerbittlich und immer lauter. Der
Zwergenaufstand der CSU ist nur ein Warnzeichen. Merkel muss die Tür
irgendwie wieder zu kriegen, die sie geöffnet hat. Nötig ist zweitens
auch ein realistischerer Blick auf die Flüchtlinge. "Refugees
welcome" ist ein netter Slogan, aber er löst kein Problem, erst recht
nicht die zukünftigen. Wenn es die Vision ist, dass all diese
Menschen in zwei, fünf oder zehn Jahren hier anerkannt und
assimiliert leben sollen und ihre Kinder gleiche Chancen haben - und
das muss das Leitbild sein - dann muss man mehr tun als
Erstunterbringung. Dann geht es vom ersten Tag an um wirkliche
Integrationsanstrengungen beider Seiten: Deutschunterricht und


Integrationskurse, Arbeit und Ausbildung, Wohnraum, die Verhinderung
von Ghettobildung und Kriminalität, auch die Abwehr salafistischer
Gruppen, die wie die Geier um die Neuankömmlinge kreisen. All das
muss sofort beginnen. Blauäugigkeit ist da genauso schädlich wie die
alte Verweigerungshaltung. Bei den Gastarbeitern hat Deutschland fast
zwei Generationen zu Verlorenen zwischen den Kulturen gemacht und
Parallelgesellschaften entstehen lassen. Das darf sich nicht
wiederholen.



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Telefon: 0211/ 8382-2370
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Datum: 11.09.2015 - 17:15 Uhr
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