Allg. Zeitung Mainz: Erbärmlich / Kommentar zu Flüchtlingen und der EU von Lars Hennemann
ID: 1264574
angesichts der Flüchtlingsproblematik noch Oktoberfeste feiern darf
(natürlich darf man), werden weiter östlich Grundrechte Geschichte.
Die EU-Mitglieder Ungarn und Slowenien - und auch Kroatien, dem man
noch Überforderung zugestehen mag - führen ein Schauspiel auf, bei
dem Menschen wie Restposten eines Schlussverkaufs hin und her gekarrt
werden. Immer öfter stranden die Flüchtlinge dabei an immer länger
werdenden Zäunen. Über die Verantwortung der EU und Deutschlands
dafür ist oft diskutiert worden. Das über die EU zu fällende Urteil
ist eindeutig: erbärmlich, jämmerlich, katastrophal. Jenseits des
Verteilens von Geld gibt es offenbar nichts Verbindendes. Jedenfalls
nichts, was hilft, eine Tragödie historischen Ausmaßes zu abzuwenden.
Und wie steht es mit Deutschland? Angela Merkel hat menschlich
reagiert. Das ist und bleibt richtig und ehrenhaft. Aber sie hat -
wie andere - die Dimension des Problems brutal unterschätzt. Und ein
Deutschland, das sich selbst übernimmt, kann auch als stärkstes Land
Europas dort nicht helfen, wo wie auf dem Balkan nacktes Chaos
herrscht. Von dort - und eben nicht nur aus Syrien oder dem Irak -
führt die Handlung der Tragödie dann direkt zu uns. Denn: Solange ein
Asylantrag hierzulande über Monate (in denen man auch untertauchen
kann) unbearbeitet bleibt und parallel dazu Leistungen aus den
Sozialsystemen fließen, werden die Busse und Turnhallen so schnell
nicht leer werden. Selbstüberschätzung und überforderte Bürokratie
sind aber auf Dauer das exakte Gegenteil von Menschlichkeit. Wer das
nicht glauben will, sollte sich ein Busticket nach Zagreb kaufen.
Oder auf dem Weg zum Oktoberfest (nicht nur) in München einfach mal
nach links und rechts schauen.
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Allgemeine Zeitung Mainz
Wolfgang Bürkle
Newsmanager
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Datum: 18.09.2015 - 19:52 Uhr
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