WAZ: Neue Kultur? Nicht im alten System. Kommentar von Stefan Schulte zu Volkswagen
ID: 1277021
Unternehmenskultur gesprochen. Gefordert wird sie auch von
Politikern, Managern und Betriebsräten, die gerne Teil der alten
VW-Kultur waren. Natürlich gilt auch für alle Aufsichtsräte, ob vom
Land Niedersachsen, anderen Kapitalgebern oder der Arbeitnehmerseite
entsandt, die Unschuldsvermutung. Im besten Fall haben sie alle
nichts gewusst vom Diesel-Betrug, entsprang der ganze Skandal dem
Treiben von Entwicklern und Managern unterhalb der Topebene und damit
unterm Radar des Aufsichtsrats. Nur: Dieser beste Fall aus Sicht der
Betroffenen ist der Sündenfall für das Gesamtkunstwerk VW. Dass sich
fehlgeleiteter Ehrgeiz dieser Tragweite im Konzern ausleben konnte,
muss die Systemfrage aufwerfen. Das Interessengeflecht aus
Management, Politik und Arbeitnehmervertretern hat ein allzu mildes
Konsensklima geschaffen. Im Lichte des Erfolges verlegte man sich
lieber aufs gegenseitige Bestätigen denn aufs Kontrollieren. Vom Land
und vom bestens bezahlten Betriebsratschef, der jährlich dicke Boni
für die Mitarbeiter verkünden durfte, hatte der Vorstand im
Aufsichtsrat nichts zu befürchten. Auch die IG Metall darf ihre Rolle
als Kontrollinstanz gerne neu interpretieren. Ihr designierter Chef
Hofmann kann seinen Worten bald selbst im Aufsichtsrat Taten folgen
lassen. Vorstand und Aufsichtsrat mögen nichts gewusst haben. Doch
ihr Konstrukt eines selbstgerechten Riesenkonzerns, der seinen
Töchtern vor allem das eine große Ziel vorgab, um jeden Preis die
Nummer eins der Welt zu werden, hat das Unternehmensgeflecht
Volkswagen unregierbar und unkontrollierbar gemacht. Eine neue
Unternehmenskultur ist in der Tat unerlässlich - mit alten Köpfen im
alten System wird es sie aber nicht geben.
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Datum: 18.10.2015 - 18:49 Uhr
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