Westfalen-Blatt: zum Thema Glyphosat
ID: 1326011
Umweltinstitut den Brauereien jetzt so richtig eingeschenkt.
Glyphosat im Bier verspricht Medienwirbel - fast so wie Plastik im
Schokoriegel und Mineralölrückstände in Mineralwasser. Zumal der
Zeitpunkt gut gewählt ist: Die Europäische Kommission steht vor der
Entscheidung, ob sie die Zulassung von Glyphosat um weitere 15 Jahre
verlängern wird oder nicht. Die Gegner des vom US-Konzern Monsanto
entwickelten Pestizids haben starke Argumente. Die
Weltgesundheitsorganisation WHO stuft das in
Unkrautvertilgungsmitteln eingesetzte Glyphosat als »wahrscheinlich
krebserregend« ein. Pflanzen nehmen es durch ihre Blätter auf.
Biologisch baut sich das Gift in 28 Tagen nur um zwei Prozent ab.
Andererseits wird immer offenkundiger, dass Lebensmittelüberwachung
auch ein Geschäft ist. Institute konkurrieren mit Instituten,
Labors mit Labors. Öffentliches und privates Geld fließt umso
leichter, je öfter es den Wettbewerbern gelingt, Schlagzeilen zu
produzieren. Und natürlich reagieren Facebook & Co., aber auch
seriöse Medien dann besonders, wenn es um eines der drei K geht:
Kosmetika, Küche (Lebensmittel) und Kinder (Spielzeug, Kleidung).
Ein neuer Nachweis, wie sehr Zigaretten der Gesundheit schaden,
schafft es hingegen kaum noch in die Zeitung. Trotz allem würde die
Geschäftsidee nicht funktionieren, hätte die Labortechnik nicht
solche Fortschritte gemacht. Heute geht es um Mikro- und sogar
Nanogramm - millionste und milliardste Teile eines Gramms. In dieser
Größenklasse findet man mit hoher Wahrscheinlichkeit Substanzen, die
richtig Angst machen - so man nur nach ihnen sucht. Paracelsus sagte
schon vor 500 Jahren: »Nichts ist ohne Gift; allein die Dosis
macht's, dass ein Ding kein Gift sei.« Dass das Umweltinstitut, das
in Konkurrenz unter anderem zu Stiftung Warentest und Ökotest
steht, bei handelsüblichem Bier auf Glyphosat stoßen würde, war klar.
Schließlich handelt es sich um das in Deutschland am weitesten
verbreitete Pflanzengift, das schon beispielsweise in Backwaren,
Milch und Haferflocken nachgewiesen wurde. Bier wird aus Hopfen
und Getreide gebraut. Da muss der Landwirt nicht mal selbst Glyphosat
einsetzen. Tut es der Nachbar, ist es gut möglich, dass ein Teil
herüberweht. Von Verbrauchern, die oft kaum Milli- von Mikrogramm
unterscheiden, zu erwarten, dass sie Laborergebnisse richtig deuten,
ist zu viel verlangt. Das ist Aufgabe des Gesetzgebers. Als im
April 1516 das Reinheitsgebot für Bier aufgestellt wurde, gab es
weder Glyphosat noch das Wissen um mögliche Gefahren. Vorschriften
müssen fortgeschrieben werden. Dass stattdessen Warentester ihre
eigenen Grenzwerte aufstellen, ist jedenfalls keine Alternative.
Trotzdem sind die Verbraucher nicht außen vor. Glyphosat ist nach
Angaben der WHO nur wahrscheinlich, Alkohol aber mit Sicherheit
krebserregend.
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Westfalen-Blatt
Chef vom Dienst Nachrichten
Andreas Kolesch
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Datum: 25.02.2016 - 21:00 Uhr
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