Mittelbayerische Zeitung: Der Koran ist nicht schuld - Wer islamistischen Terror bekämpfen will, muss die Ursachen beseitigen - und falsche Toleranz beenden. Von Sebastian Heinrich
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Attentaten von Brüssel und Paris ist der Islam. Eine einheitliche,
rückständige, gewalttätige Religion mit einem festen Regelkodex: der
Schariah. Nach ihr leben alle Muslime, mit ihr wollen sie die ganze
Welt unterjochen. Es ist eine so einfache Antwort. Nur: Sie ist
falsch. Woche für Woche reißen Menschen andere Menschen mit dem Ruf
"Allahu akbar" auf den Lippen in den Tod, Tausende sterben jährlich
durch islamistische Attentäter - 80 Prozent der Opfer sind Muslime,
schätzen Forscher. Unbestritten: Islamistischer Terror ist eine
enorme Gefahr. Doch das Problem dahinter ist nicht "der Islam". "Den
Islam" gibt es nicht: diese Weltreligion ist aufgespalten in
Strömungen und Rechtslehren, mindestens so stark wie das Christentum.
Und die Gefahr für die freien Gesellschaften Europas liegt auch nicht
in Koransuren oder im Verbot, Schweinefleisch zu essen. Zweierlei
macht den Islamistischen Terror groß: die Konflikte, die Menschen
empfänglich für religiösen Fundamentalismus machen; und die
islamistischen Führer, die diese Menschen zu Terroristen machen. Nur
wenn die Konflikte gelöst und die Terrorfürsten unschädlich gemacht
werden, verliert der islamistische Terror seinen Schrecken. Die
Konflikte, die den Terror im Nahen und Mittleren Osten befeuern,
haben viel mit den Ländern des sogenannten Westens zu tun - und
deshalb trägt der Westen eine Mitverantwortung dabei, sie zu beenden.
Und das hat wenig mit Religion zu tun. In Baghdad etwa werden
Menschen dieser Tage nicht zu Terroristen, weil sie im Koran lesen.
Es waren nicht die religiösen Widersprüche zwischen Schiiten und
Sunniten, die diese religiösen Gruppen im Irak gegeneinander
aufgebracht haben. Es waren die Folter und die Massaker des (erst von
der Sowjetunion, dann vom Westen unterstützen) Saddam Hussein gegen
Andersdenke - und dann, nach Saddams Sturz 2003, die blutige Rache
der unterdrückten Schiiten, welche die US Army kaum eindämmte.
Inzwischen werden Sunniten und Schiiten in der ganzen Region
aufeinander gehetzt, von Libanon bis Pakistan über den Jemen. Doch
das liegt nicht an der Spaltung der Muslime vor 1300 Jahren - sondern
am Konflikt zwischen den Regionalmächten Iran und Saudi-Arabien. Es
geht um politische Dominanz und wirtschaftliche Macht. Nur wenn diese
Konflikte gelöst werden, hört der Terror auf zu sprießen. Auch in
Paris oder Berlin werden Menschen nicht zu islamistischen
Gewalttätern, weil sie gen Mekka beten. Und sie radikalisieren sich
gewiss nicht, weil sie zu sehr willkommen geheißen werden. Sondern,
weil sie an den Rand gedrängt werden. Wer in einer Pariser Banlieue
oder in manchen Ecken von Berlin-Wedding aufwächst, hat oft
schlechtere Chancen und Perspektiven, sammelt oft Frust und
Verbitterung - und wird so empfänglich für die einfachen Lösungen
radikaler Islamisten. Erst wenn die Politik tatsächlich etwas tut, um
den Menschen in diesen Ghettos der Abgehängten eine Perspektive zu
geben, finden Hassprediger dort weniger Gehör. Diplomatie und
Integration sind der eine Teil der Strategie gegen islamistischen
Terror - Härte gegen die Köpfe der Fundamentalisten der andere. Für
Homophobie, Antisemitismus, Hass gegen Nicht-Gläubige ist in freien
Gesellschaften kein Platz. Wer das konsequent durchsetzt, muss aber
auch falsche Toleranz in Frage stellen: Es darf nicht weiter
zugelassen werden dass Staaten wie Saudi-Arabien, die Türkei oder der
Iran in Koranschulen, muslimischen Kulturvereinen und Moscheen den
politischen Islam nach ihren Interessen propagieren lassen. Nur, wenn
europäische Regierungen machthungrige Fundamentalisten wirtschaftlich
und politisch unter Druck setzen - und den Dialog mit liberalen
Muslimen vorantreiben - können liberale Strömungen im Islam Boden
gutmachen gegenüber dem Extremismus, die sich auch in Europa
breitgemacht hat. Diese Strategien funktionieren nicht von heute auf
morgen. Doch sie werden mit Sicherheit wirksamer sein als
Bombenteppiche über islamischen Ländern. Den Krieg gegen den Terror
hat der Westen schon nach den Attentaten vom 11. September 2001
geführt - mit katastrophalen Folgen. Die Zahl der islamistischen
Terrorgruppen ist explodiert. In Afghanistan und im Irak, die der
Westen attackierte und besetzte, passieren Attentate wie in Brüssel
im Wochentakt. Der Krieg gegen den Terror hat den Terror noch viel
blutiger gemacht. Es ist höchste Zeit für eine Wende.
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Datum: 25.03.2016 - 22:09 Uhr
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