Mittelbayerische Zeitung: Tödliche Bedrohung - Wer dunkle Hautfarbe hat, fürchtet sich in den USA mit gutem Grund vor der Gewalt der Polizei. Von Thomas Spang
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Afro-Amerikanerin, im Sommerkleid und Ballerinas. Ihr gegenüber zwei
Polizisten mit Helmen und Kampfanzügen, von denen weiße
Plastikhandschellen baumeln. Dahinter eine Phalanx hochgerüsteter
"Cops". Die Aufnahme stammt vom Fotografen Jonathan Bachmann, der sie
bei den Protesten der "Black Lives Matter"-Bewegung in Baton Rouge
machte. Die 28-jährige Krankenschwester Ieshia Evans ist über Nacht
zum Symbol des Verhältnisses der Polizei zum schwarzen Amerika
geworden. Ein Bild, das mehr als tausend Worte sagt: David gegen
Goliath, massive Staatsgewalt gegen friedlichen Protest und Ausdruck
wechselseitigen Misstrauens. Kurz nach der Aufnahme wird die
friedliche Demonstrantin festgenommen. Wie rund hundert andere
Personen, die von der Polizei in Baton Rouge abgeführt werden. So
parteiisch das Foto auch sein mag, so sehr trägt es dazu bei, die
angespannte Stimmung in den USA zu verstehen. Denn es erlaubt den
Betrachtern, die Polizei aus der Perspektive der rund 40 Millionen
Afro-Amerikaner zu sehen. Die nehmen die Beamten oft genug nicht als
"Freund und Helfer" wahr, sondern als zuweilen tödliche Bedrohung.
Schwarze Eltern erklären ihren Teenagern, wie sie sich verhalten
sollen, wenn sie es mit den "Männern in Blau" zu tun bekommen. Eine
falsche Bewegung kann reichen, von Kugeln durchlöchert zu werden. Die
blutigen Videos, die festhielten, wie Philando Castile in Minnesota
und Alton Sterling in Louisiana starben, sind nur die letzten
Beispiele ausufernder Polizeigewalt. Nach dem fünffachen
Polizistenmord von Dallas klingt es ein wenig pietätlos, aber es muss
gesagt werden: Die ethnischen Unruhen in den USA lassen sich ohne die
Verzerrungen im amerikanischen Strafrechtssystem allgemein und dem
Verhältnis der Polizei zu farbigen Nachbarschaften im Besonderen
nicht erklären. Die Hälfte der zehn größten Unruhen in der Geschichte
der USA hatte ihre Auslöser in der Behandlung von Schwarzen durch die
Sicherheitskräfte. Die "Black Lives Matter"-Bewegung verdankt ihre
Gründung dem Protest gegen den Tod Trayvon Martins, den ein
Nachbarschaftswächter 2012 auf dem Weg zum Haus seines Vaters
erschossen hatte. Der Fall sensibilisierte die Öffentlichkeit
erstmals für die Geringschätzung des Lebens schwarzer Männer. Seitdem
reißt die Serie von Handy-Videos nicht ab, die festhalten, wie
Ordnungshüter Angehörige von Minderheiten in den USA behandeln. Ein
defektes Rücklicht, der Verkauf von Zigaretten oder CD's auf dem
Schwarzmarkt oder eine falsche Bewegung können ausreichen, ganz legal
ins Jenseits befördert zu werden. Wer dunkle Hautfarbe hat, fürchtet
sich mit gutem Grund vor der Gewalt der Polizei. Umgekehrt haben auch
die "Cops" in Amerika berechtigten Anlass zur Sorge. Die ethnischen
Minderheiten in den USA machen einen guten Teil der armen
Nachbarschaften aus, die von Hoffnungslosigkeit, Drogen und Gewalt
geprägt sind. Dank der Laisser-Fair-Politik beim Waffenrecht weiß ein
Beamter nie, ob die Person, mit der er zu tun hat, bewaffnet ist.
Fehlannahmen können schnell tödlich enden. Solange die USA das nicht
in den Griff bekommen, bleibt vieles Theorie. Die Gewalt in Dallas
war etwas anders gelagert, illustriert aber dasselbe Problem:
Privatpersonen haben in den USA zu viel Feuerkraft. Die lokalen
Polizeikräfte rüsten auf, um das Gewaltmonopol des Staates
durchzusetzen. Diese Militarisierung untergräbt weiter das ohnehin
zerrüttete Verhältnis zwischen "Cops" und farbigen Nachbarschaften.
Die Unruhen von Ferguson illustrierten das überdeutlich. Dort
patrouillierten weiße Polizisten eine schwarze Nachbarschaft, die sie
wie ein Kriegsgebiet wahrnahm. Amerika wird erst zur Ruhe kommen,
wenn es seine Polizei, das Straf- und das Waffenrecht gründlich
reformiert. Nur dann kann Vertrauen wachsen, das durch Ereignisse wie
in den vergangenen Tagen gründlich verloren gegangen ist.
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Datum: 11.07.2016 - 20:31 Uhr
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