Mehr Fisch für weniger Menschen?/
WWF-Studie: Fischessen wird zur Gerechtigkeitsfrage / Verbessertes Fischereimanagement zwingend für globale Ernährungssicherheit
ID: 1443057
globalen Süden ihr Grundnahrungsmittel Fisch nicht mehr leisten
können - sie werden ihn exportieren, statt ihn zu essen. Diese
Prognose veröffentlicht der WWF heute in einem Report zur
zukünftigen weltweiten Fischversorgung.
"Wenn wir es richtig angehen, werden wir in 35 Jahren mehr Fisch
sowohl im Ozean als auch in den Netzen haben. Allerdings wird der
gefangene Fisch sehr wahrscheinlich nicht dort landen, wo die
Menschen ihn zum Überleben brauchen", so Karoline Schacht,
Fischereiexpertin des WWF und Co-Autorin der Studie. "Obwohl wir also
im besten Fall mehr Wildfisch zur Verfügung haben, könnten in Zukunft
weniger Menschen davon profitieren. Wir müssen Fisch gerechter
verteilen."
Die vom WWF beauftragten Wissenschaftler der Universität Kiel
analysierten, wieviel Meeresfisch im Jahr 2050 nachhaltig gefangen
werden kann und berechneten erstmals, ob diese Menge für alle
Menschen reichen wird. "Unser Fischkonsum im globalen Norden wird in
Zukunft erheblichen Einfluss auf die Lebensbedingungen der Menschen
haben, die viel stärker von Fisch abhängig sind als wir", so Schacht.
Für die Versorgung des Weltmarktes mit Fisch spielen
Entwicklungsländer eine immer größere Rolle. Rund 61 Prozent des
weltweiten Fischexports stammen aus Ländern des globalen Südens.
Gleichzeitig ist in diesen Ländern die Abhängigkeit von Meeresfisch
als Nahrungsmittel und Proteinquelle viel höher als beispielsweise in
Europa.
Ein Plus von 37 Millionen Tonnen Fisch durch besseres Management
Den Prognosen der Wissenschaftler folgend, kann der wachsende globale
Bedarf nach Fisch nur dann annähernd gedeckt werden, wenn das
weltweite Fischerei-Management deutlich verbessert, die Auswirkungen
auf die Meeresumwelt verringert und der Schutz der Biodiversität und
der marinen Lebensräume sichergestellt werden. Die weltweite
jährliche Gesamt-Fangmenge ließe sich unter diesen Bedingungen auf
137 Millionen Tonnen steigern. Seit Jahrzehnten stagniert sie bei
rund 100 Millionen Tonnen. "Voraussetzung für höhere Fänge ist eine
ganzheitliche Betrachtung des Ökosystems Meer sowie ein effektives
Fischereimanagement, das gesunde Fischbestände zum Ziel erklärt, und
seine Regeln mit Nachdruck durchsetzt", so Karoline Schacht vom WWF.
Dagegen würden die zukünftigen Weltfischereierträge drastisch sinken,
wenn das derzeitige Fischereimanagement sich nur geringfügig
verschlechtert. Angesichts der Herausforderung künftig mehr Menschen
versorgen zu müssen, ist ein Verharren im Status Quo des
Fischereimanagements laut WWF keine Option.
"Mit der Weltbevölkerung wächst auch ihr Fischbedarf. Weniger
Fisch wäre vor allem für jene 800 Millionen Menschen eine
Katastrophe, für die Fisch die wichtigste Proteinquelle oder ihr
wirtschaftliches Standbein ist", warnt Schacht. Da sich die
Staatengemeinschaft bis 2030 zum Ziel gesetzt hat, den Hunger in der
Welt zu beenden, fordert der WWF die internationale Politik dazu auf,
in ihren Aktionsplänen für die Umsetzung der nachhaltigen
Entwicklungsziele die Fischfrage stärker zu betonen und langfristig
eine faire und gerechte Verteilung des Fisches sicherzustellen.
Auch der Zustand der Fischbestände in Europas Gewässern müsse
drastisch verbessert werden, um die Importabhängigkeit des
europäischen Marktes zu verringern. Europa importiert knapp ein
Fünftel des weltweit gehandelten Fisches. An die Verbraucherinnen und
Verbraucher in Deutschland und Europa appelliert der WWF, Fisch als
Delikatesse und nicht als alltägliches Konsumgut zu betrachten und
sich beim Kauf für nachhaltige Produkte nach Empfehlung des WWF
Fischratgebers (www.wwf.de/fischratgeber ) zu entscheiden.
Hintergrund:
Auch Aquakultur leistet einen Beitrag zur Fischversorgung. Jeder
zweite weltweit verzehrte Fisch stammt derzeit aus Zuchtanlagen.
Allerdings sind Zuchtfische zu 90 Prozent Süßwasserarten. Für die
Ernährungssicherheit der Küstenbevölkerung in Entwicklungsländern
spielt Fisch aus Zuchten kaum eine Rolle. Marine Aquakultur ist so
teuer und aufwändig, dass sie v.a. für die Märkte der
Industriestaaten betrieben wird. Und auch das enorme Wachstum des
Aquakultursektors verursacht Umweltschäden, oftmals in Ländern mit
schlechter oder fehlender Umweltgesetzgebung. Die zukünftige Rolle
der globalen Fischzucht wird der WWF in einer separaten Untersuchung
behandeln.
Beitrag zur Ernährungssicherheit: Mit dem geringsten angenommenen
Bevölkerungswachstum würde das weltweite Fischangebot 2050 mit
100-prozentig wirksamem Fischereimanagement rund 81 Prozent des
globalen Fischbedarfs abdecken. Mit dem stärksten angenommenen
Bevölkerungszuwachs wären es 75 Prozent.
"Fischabhängigkeit" - Fisch ist nicht nur Nahrungsmittel und oft
wichtigste Quelle tierischen Proteins, sein Fang und seine
Verarbeitung schaffen Erwerbsmöglichkeiten und damit wirtschaftliche
und soziale Stabilität in vielen Küstenregionen weltweit. Der neu
ermittelte Fischabhängigkeitsindex weist z.B. Senegal als besonders
fischabhängig aus. Generell zeigen westafrikanische Küstenländer und
asiatische Inselstaaten die höchste Abhängigkeit von Fisch, die in
Europa vergleichsweise niedrig ist.
Der regionale Fischbedarf kann in Meeresregionen mit vielen
Anrainerstaaten (z.B. Mittelmeer oder Ostsee) in 2050 kaum gedeckt
werden. Auch vor einem Großteil der afrikanischen, südostasiatischen
und australischen Küste wird die Produktivität des Meeres zu gering
sein. Dagegen könnten die hochproduktiven Meeresökosysteme im
Nordatlantik und im Ostpazifik den regionalen Bedarf besser bedienen.
Die Studie "Überfischt und unterversorgt - Wieviel Fisch wir in
Zukunft fangen und wer ihn essen wird" wurde im Rahmen des
EU-kofinanzierten WWF-Projekts "Fish Forward" (www.fishforward.eu)
erstellt. Fish Forward schafft in 11 EU-Ländern Bewusstsein für die
ökologischen, sozialen und ökonomischen Auswirkungen des europäischen
Fischkonsums - vor allem auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der
Menschen in Entwicklungsländern.
Pressekontakt:
WWF Deutschland
Britta König
Telefon: 040 / 530 200 318
E-Mail: britta.koenig@wwf.de
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Datum: 11.01.2017 - 08:49 Uhr
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