Allg. Zeitung Mainz: Ehre eingelegt / Kommentar von Reinhard Breidenbach zu Joachim Gauck
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Denn er war ihr Präsident, als die Verwirrung groß, manche Euphorie
überzogen, manche verständliche Sorge überbordend, mancher Hass
gefährlich und manche Kleingläubigkeit beschämend war. Wie gut er
war, dieser Präsident, zeigte sich in dem, was manche
"Flüchtlingskrise" nennen. Sie war sechs Wochen alt, da sagte der
gelernte DDR-Pastor Joachim Gauck in Mainz zur Eröffnung der
Interkulturellen Woche, er würde gerne eine Predigt halten - aber
jetzt sei er nun mal zuständig "für die vorletzten Dinge", für
Politik. Er sprach gütig, nicht rührselig, und klug: "Wenn wir
Probleme benennen, soll das nie unser Herz schwer machen, sondern
unseren Verstand aktivieren." Er beschwor seine Landsleute, sich
weder von Angst, noch von Träumerei leiten zu lassen. Er mahnte die
Flüchtlinge, sich nach dem Grundgesetz zu richten. Und er warnte die
"Gotteskrieger" unter ihnen: Der Rechtsstaat werde Täter verfolgen.
Sein Fazit: Unser Herz ist weit, unsere Möglichkeiten sind endlich.
Diese Analyse, zugleich eine Prophezeiung, war nicht zögerlich,
sondern an Präzision nicht zu übertreffen, wie sich heute zeigt. Er
ist und bleibt wortmächtig, zumal er weiß, dass die Feder stärker
sein kann als das Schwert. Auch in der DDR war das am Ende so. Da
hatte der Rostocker Pastor Gauck nicht auf brennenden Barrikaden
gegen Unterdrückung gekämpft, sondern auf der Kanzel. Manche - in Ost
wie West - machten ihm genau dies später zum Vorwurf. Zu Unrecht.
Empathie und Effizienz beweisen sich durchaus auch auf brennenden
Barrikaden, aber eben nicht nur dort. Gauck hat Ehre eingelegt für
diese Republik zu einem Zeitpunkt, da das Bundespräsidentenamt einen
beunruhigenden Anblick bot. Horst Köhler scheiterte nach einer guten
ersten Amtszeit an mangelhafter Kommunikationsfähigkeit. Christian
Wulff, politisch hoch talentiert, agierte ohne Fortune und mit zu
viel menschlicher Schwäche. Gut, dass Gauck dann kam, mit natürlicher
Autorität, freundlich, aber sich nie anbiedernd, mit Intellekt, auch
wenn der manchen zu pastoral erschien, und mit der durch nichts zu
ersetzenden, wichtigsten Fähigkeit: Vertrauen zu stiften, verlässlich
zu sein. Natürlich hat er nicht alles perfekt gemacht, wer kann das
schon. Aber er hat Maßstäbe gesetzt. Er war nicht zuletzt mutig und
politisch genug, um Regierenden, wenn nötig, die Leviten zu lesen. In
einer Welt, die man "trumpisiert" nennen könnte und die zunehmend
gefährlicher wird, müssen gerade die, die moralisch integer sind, den
Mund weit auftun.
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Datum: 10.02.2017 - 19:53 Uhr
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