Aufklärer sehen System der Gewalt in Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal / "Report Mainz" am 30.5.2017, 21.45 Uhr im Ersten exklusiv über erste Erkenntnisse im Missbrauchsskandal
ID: 1494142
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Im Missbrauchsskandal der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal
(bei Stuttgart) berichtet das ARD-Politikmagazin "Report Mainz"
exklusiv über erste Erkenntnisse der unabhängigen Aufklärer auf
Grundlage von Aktenrecherchen und Gesprächen mit Betroffenen. Danach
haben Kinder in den Kinderheimen der Evangelischen Brüdergemeinde
Korntal von den 1950er Jahren bis in die 1980er Jahre systematisch
körperliche, psychische und sexuelle Gewalt erleiden müssen. Die
Heimleitung habe nachweislich von Vorfällen sexuellen Missbrauchs
gewusst, diese jedoch vertuscht. Anderthalb Monate nach dem Start der
Aufklärung von Missbrauchsfällen in Kinderheimen der Evangelischen
Brüdergemeinde Korntal haben die beiden unabhängigen Aufklärer, die
ehemalige Richterin Dr. Brigitte Baums-Stammberger, und der
Erziehungswissenschaftler Prof. Benno Hafeneger (Philipps-Universität
Marburg), im Interview mit dem ARD-Politikmagazin "Report Mainz"
damit exklusiv erste Ergebnisse ihrer Untersuchung präsentiert.
Prof. Benno Hafeneger sagte zu seinen Recherchen in den
Aktenbeständen: "Wir gehen davon aus, nach dem jetzigen Blick in die
Akten, dass wir es nicht nur mit Einzelfällen zu tun haben. Wir haben
eine ganze Reihe von Vorfällen, die auch dokumentiert sind, die auch
behandelt worden sind, in den Akten eben sich wiederfinden. Es gab
sexualisierte Gewalt, es gab vor allen Dingen auch körperliche
Gewalt, Strafe, Prügel, Züchtigung, und es gab viele Formen von
seelischer Gewalt, von beschämender Gewalt, Erniedrigung,
Beschimpfungsorgien regelrecht der Kinder, also das sind drei
Gewaltformen, die sich in den Akten wiederfinden." Weiter erklärte
er, sexuelle Missbrauchsfälle seien nachweislich vertuscht worden:
"Der Aktenbestand gibt her, dass es sexualisierte Gewalt gab, dass
diese Form von Gewalt auch thematisiert worden ist, dass die auch in
den Gremien verhandelt worden ist - das heißt, dass mehrere von
diesen Vorfällen wussten. Das ist dokumentiert. In der Regel ist die
sexualisierte Gewalt nicht zur Anzeige gekommen, sondern ist versucht
worden zu vertuschen, zu beschweigen, zu relativieren oder durch
Versetzungen und so weiter das Problem irgendwie zu bagatellisieren
und nicht öffentlich werden zu lassen." Die Gewalt in den
Kinderheimen habe System gehabt, sagte Prof. Benno Hafeneger: "Es war
ein System, weil es eben keine Einzelfälle sind. Es waren mehrere
Beteiligte. Es war eine Heimleitung, die beteiligt war, die das ganze
wusste, die das geschützt hat, die weggesehen hat, und es war ein
System, das Kinder im Prinzip erniedrigen wollte. Das den Kindern den
Willen brechen wollte. Das Kinder züchtigen wollte, weil nur dann den
Kindern die Sünde ausgetrieben werden kann."
Die ehemalige Richterin Dr. Brigitte Baums-Stammberger, bei der
sich ihren Angaben zufolge bisher rund 50 Betroffene gemeldet haben,
erklärte nach den ersten rund 25 Gesprächen mit Opfern: "Also die
Opfer haben mir zum überwiegenden Teil übereinstimmend und glaubhaft
berichtet, dass sie erheblicher körperlicher Gewalt in diesen Heimen
ausgesetzt gewesen sind und zwar durch sämtliche Hierarchiestufen
hindurch bis zum Heimleiter. Sie haben psychische Gewalt erfahren,
weil sie zum Beispiel erniedrigend behandelt worden sind. Sie haben
Freiheitsberaubung erfahren, weil sie zur Strafe eingesperrt worden
sind, in den Keller, in Wäschekörbe oder in Besenkammer. Und sie
haben zum Teil sexuelle Gewalt erfahren, weil sie missbraucht worden
sind." Juristisch seien diese Fälle seit langem verjährt, sowohl
strafrechtlich als auch zivilrechtlich. Opfer könnten keinen
Schadensersatz und kein Schmerzensgeld mehr geltend machen. Und man
könne auch den Staatsanwalt nicht veranlassen, die Täter anzuklagen.
Wörtlich sagte sie: "An Straftatbeständen auch nach der damaligen
Rechtslage, die sich in den letzten 50 Jahren ja stark geändert hat,
sind regelmäßig gefährliche Körperverletzungen vorgekommen, nämlich
Körperverletzungen mit Gegenständen, es sind einfache
Körperverletzungen vorgekommen, es sind Freiheitsberaubungen
vorgekommen. Und es ist sexueller Missbrauch, auch schwerer sexueller
Missbrauch vorgefallen."
Der weltliche Vorsteher der Evangelischen Brüdergemeinde, Klaus
Andersen, äußerte sich im Interview mit "Report Mainz" zu den
Vorwürfen sexueller, körperlicher und psychischer Gewalt in ihren
Einrichtungen: "Das bedauern wir sehr. Und ich weiß, dass damals auch
die Mitarbeiter, trotz alledem, mit viel Herzblut und Engagement ihre
Arbeit getan haben. Dass diese Dinge in Einzelfällen passiert sind,
das tut uns leid und deswegen noch einmal, sind wir sehr erleichtert,
dass wir jetzt nach einem langen Weg in der Vorbereitung hin zu einem
Aufklärungsprozess jetzt unterwegs sind, damit durch diese
Aufarbeitung auch den ehemaligen Heimkindern Anerkennung ihres Leids
widerfährt. Das sind wir ihnen schuldig."
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