Neue Westfälische (Bielefeld): Demonstrationen in der Türkei
Erdogan in Bedrängnis
Susanne Güsten, Istanbul
ID: 1508904
konnte sich Recep Tayyip Erdogan in den vergangenen anderthalb
Jahrzehnten auf eine Tatsache fest verlassen: die Schwäche der
Opposition. Die Regierungsgegner in Ankara machten es Erdogan leicht
und präsentierten sich stets als uneins und unfähig - oft genug
erweckten sie den Eindruck, als hätten sie sich mit ihrer Rolle
abgefunden und strebten überhaupt nicht nach der Macht in der
Hauptstadt. Die Gezi-Protestbewegung des Jahres 2013 riss zwar
Millionen von Türken mit, wurde aber nie in konkretes politisches
Handeln übersetzt. Nun könnte Oppositionschef Kilicdaroglu dabei
sein, Erdogans Glückssträhne zu beenden. Der Protestmarsch für
Gerechtigkeit hat viele Normalbürger angesprochen, die eine
Verwandlung ihres Landes in einen Erbhof von Erdogan und dessen
Getreuen beklagen. Der Zuspruch für den spröden und charisma-freien
Kilicdaroglu ist enorm und stellt Erdogan vor eine ernste
Herausforderung. Allerdings muss sich Kilicdaroglus Partei CHP, die
bisher eine linksnationalistische Politik verfolgt, politisch öffnen,
wenn sie den Schwung des Protestmarsches ummünzen und bei den Wahlen
in zwei Jahren eine Siegchance haben will. Insofern ist die
Attraktivität des Protestmarsches von Kilicdaroglu eher ein Indikator
für das Potenzial, das der Opposition bei einem richtigen Vorgehen
zur Verfügung stehen könnte, als ein sicheres Vorzeichen für das Ende
der Ära Erdogan. Fest steht, dass der türkische Präsident mit seinem
Rachefeldzug gegen Andersdenkende seit dem Putschversuch des
vergangenen Jahres aus Sicht von Millionen Türken zu weit gegangen
ist. Kann er seine Haltung ändern? Von der Antwort auf diese Frage
hängt viel ab in der Türkei.
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Datum: 09.07.2017 - 21:00 Uhr
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