Neue Westfälische (Bielefeld): Lage in Afghanistan
Mut zur Ehrlichkeit
Marina Kormbaki, Berlin
ID: 1565137
Deutschland dem Krieg in Afghanistan bei. Die Protokolle jener
Bundestagsdebatte vom 22. Dezember 2001 zeugen von Zuversicht. Die
Redner des damaligen rot-grünen Regierungsbündnisses und der Union
zeigen sich erleichtert über den Sturz der Taliban durch die
US-Armee. Jetzt, so der Tenor, könne mit dem Bau von Schulen begonnen
werden. Deutsche Soldaten könnten eine "Starthilfe für diesen neuen
politischen Prozess" leisten. Sie dauert nun schon eineinhalb
Jahrzehnte an, ein Ende ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Der Krieg,
den man in Deutschland lange nicht als solchen bezeichnen wollte,
geht ins 17. Jahr. Im Gespräch ist jetzt kein Abzug, sondern eine
Aufstockung der Truppe am Hindukusch. Die Verteidigungsministerin und
der Außenminister haben in dieser Woche den Boden für diese Debatte
bereitet. Binnen weniger Tage haben Ursula von der Leyen und Sigmar
Gabriel das Bundeswehrfeldlager in Masar-i-Scharif besucht. Beide
haben sich die Klagen der Soldaten über den Personalmangel vor Ort
angehört. Beide haben Verständnis gezeigt und auf den Bundestag
verwiesen. Anfang nächsten Jahres, bei der anstehenden Verlängerung
des Afghanistan-Mandats, werden die Abgeordneten auch über dessen
Aufstockung zu entscheiden haben. Es droht eine verdruckste Debatte.
Zu groß scheint die Gefahr, dass die Entsendung weiterer Soldaten als
Eskalation gedeutet wird. Als Eingeständnis des Scheiterns. Doch das
verkennt die Komplexität der Lage. Seit drei Jahren rückt die
Bundeswehr nicht mehr aus zum Gefecht. Sie kämpft nicht mehr, sie
soll den afghanischen Streitkräften das Kämpfen beibringen. Das ist
der Kern der NATO-Mission "Resolute Support". Zurzeit bilden 60
Berater ihre Verbündeten aus. Die übrigen der 980 im Mandat
vorgesehenen Soldaten sind zu deren Schutz und Unterstützung vor Ort.
Angesichts der Größe und der Gefahren im Zuständigkeitsgebiet der
Deutschen ist das zu wenig. Zudem müssen sie bei der Schulung der
Afghanen meist bei null anfangen. Wenn es dem Bundestag ernst ist mit
der Befähigung der Afghanen zur Selbstverteidigung, muss er die
Bundeswehr entsprechend ausstatten. Alles andere ist unehrlich
gegenüber den Bürgern und verantwortungslos gegenüber der Armee. Eine
Aufstockung birgt allerdings keine Erfolgsgarantie. Ob aus einem
Land, in dem jeder Clanchef seine eigene Miliz unterhält, ein Staat
zu machen ist, ist fraglich. Deutschland muss sich der Frage nach dem
Sinn des Einsatzes grundsätzlich stellen. Mut zur Ehrlichkeit ist im
17. Kriegsjahr überfällig.
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Datum: 21.12.2017 - 20:40 Uhr
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