Mittelbayerische Zeitung: Kommentar zur "Altersfeststellung jugendlicher Flüchtlinge"
ID: 1566530
ein angeblich minderjähriger Asylbewerber seine 15-Jährige deutsche
Ex-Freundin erstochen hat, wird noch lange nachwirken. Ähnlich wie
seinerzeit der gewaltsame Tod einer jungen Studentin in Freiburg.
Jede dieser Taten, auch wenn es sich um grausame Einzelfälle handelt,
zerstört viel Vertrauen: In die Möglichkeit, freundlich und
respektvoll mit Flüchtlingen egal welchen Alters zusammenleben zu
können. In die Integrationsfähigkeit und den Integrationswillen der
Menschen, die aus einer anderen Kultur ins Land gekommenen sind. Und
diese Taten zerstören das Vertrauen in den Staat und seine Fähigkeit,
seine Bürger vor Fremden schützen zu können. Nach solchen Ereignissen
hilft auch nicht die immer wiederkehrende Warnung, nur nicht zu
pauschalisieren. Zwar ist es wahr, dass die übergroße Mehrheit der
Flüchtlinge und Asylbewerber nicht kriminell ist oder wird. Aber so
tickt der Mensch nun mal nicht, zumindest nicht jeder sieht das so,
wenn er von Gewaltstraftaten liest. Schon gar nicht, wenn die Politik
ihrerseits noch pauschalisiert und damit bereits vorhandene Ängste
weiter verstärkt. Es gehört inzwischen fast schon zur politischen
Kultur im Land, nach solchen Taten reflexartig nach schärferen
Gesetzen zu rufen. Ohne dabei zu bedenken, dass erstens
verfassungsrechtlich oder praktisch nicht alles möglich ist. Und
zweitens, dass es in Deutschland oft kein Defizit der rechtlichen
Möglichkeiten gibt, sondern eher eines des konkreten Vollzugs. Für
das Asylrecht und den Umgang mit kriminell gewordenen Ausländern gilt
das allemal. Siehe den Fall des Attentäters Amri vom Berliner
Weihnachtsmarkt. Auch nach Kandel ist die Forderungsmaschinerie
wieder ins Rollen gekommen. Nun soll eine obligatorische medizinische
Altersfeststellung bei vermeintlich jugendlichen Flüchtlingen eine
Konsequenz sein. Die Union hat Recht, man darf es nicht hinnehmen,
wenn sich ein Flüchtling jünger ausgibt, als er tatsächlich ist, um
entweder einer Strafe ganz zu entgehen oder eine mildere zu erhalten.
Oder aber, um seine Chancen zu erhöhen, im Land verbleiben zu können.
Denn das deutsche und europäische Asylrecht weist hohe Hürden auf,
wenn es um die Abschiebung unbegleiteter, minderjähriger Flüchtlinge
geht. Konkret ist das fast unmöglich. Nur suggeriert die Forderung
eben etwas anderes: Schutz. Doch in der Realität wäre der präventive
Effekt einer solchen obligatorischen Altersfeststellung gering, die
Tat von Kandel wäre damit vermutlich nicht verhindert worden. Es
verhält sich ähnlich wie mit der Videoüberwachung: Sie verhindert
kaum Taten, nutzt aber, wenn es darum geht, den Täter zu finden und
seiner Strafe zuzuführen. Überdies ist es laut Experten schon jetzt
so, dass die zuständigen Jugendämter nach Inaugenscheinnahme eine
zusätzlich medizinische Untersuchung anordnen können, wenn sie
Zweifel am Alter des Betroffenen haben. Hier dürfte der eigentliche
Schlüssel im Kampf gegen den Missbrauch bei der Altersangabe liegen.
Mehr Personal und einheitlichere Vorgaben sind nötig, die
klarstellen, wann sich wer untersuchen lassen muss. Und kein
Generalverdacht. Es wäre jedenfalls weit über das Ziel hinaus
geschossen, jeden Flüchtling oder jeden unbegleiteten Jugendlichen
anlasslos vor die Röntgenröhre zu schieben. Das könnte sogar an
Körperverletzung grenzen. Die ganze Debatte weist indirekt übrigens
noch auf ein anderes Problem hin, das bisher kaum eine Rolle spielt.
Vor allem minderjährige Flüchtlinge haben Traumata von Krieg und
Flucht. Wer Aggressionen verhindern will, muss deshalb hier viel
stärker ansetzen. Das würde allen nützen.
Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
nachrichten@mittelbayerische.de
Original-Content von: Mittelbayerische Zeitung, übermittelt durch news aktuell
Themen in dieser Pressemitteilung:
Unternehmensinformation / Kurzprofil:
Bereitgestellt von Benutzer: ots
Datum: 02.01.2018 - 19:20 Uhr
Sprache: Deutsch
News-ID 1566530
Anzahl Zeichen: 4246
Kontakt-Informationen:
Stadt:
Regensburg
Kategorie:
Politik & Gesellschaft
Diese Pressemitteilung wurde bisher 472 mal aufgerufen.
Die Pressemitteilung mit dem Titel:
"Mittelbayerische Zeitung: Kommentar zur "Altersfeststellung jugendlicher Flüchtlinge""
steht unter der journalistisch-redaktionellen Verantwortung von
Mittelbayerische Zeitung (Nachricht senden)
Beachten Sie bitte die weiteren Informationen zum Haftungsauschluß (gemäß TMG - TeleMedianGesetz) und dem Datenschutz (gemäß der DSGVO).
Zukunft geMAInsam gestalten, so hatten die DGB-Gewerkschaften den gestrigen Tag der Arbeit, nun ja nicht besonders originell, überschrieben. Das fade Motto täuscht freilich nicht darüber hinweg, dass die Gewerkschaften hierzulande vor riesigen Herausforderungen stehen. Nach zweieinhalb Jahren C
Als Ministerin untragbar Anne Spiegel hat mit ihrem Verhalten nach der Flutkatastrophe an der Ahr ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Notfalls muss der Kanzler sie rauswerfen. Von Reinhard Zweigler ...
Was waren die Beileidsbekundungen der heutigen Bundesfamilienministerin Anne Spiegel von den Grünen eigentlich wert, die den Hochwasseropfern an der Ahr Betroffenheit bekundete? Ihr sei das Herz schwer und die Trauer lasse sie nicht los, sagte sie zu Beginn der Katastrophe. Doch kurz darauf packt
Die Impfpflicht macht Sinn / Gerade weil viele in der gefährdeten Generation Ü60 noch keine Impfung haben, könnte gesetzlicher Druck Unentschlossene zu dem Pieks bewegen. / Von Reinhard Zweigler ...
Es ist schon seltsam, wie schnell das Drama des Ukraine-Krieges das Aufregerthema der vergangenen zwei Jahre in den Hintergrund gedrängt hat. Corona - war da noch was? Gefühlt ist die Pandemie doch schon vorbei, trotz hoher Infektionszahlen. Die in vielen Bundesländern vollzogenen Lockerungen,
Weitere Mitteilungen von Mittelbayerische Zeitung
Berliner Zeitung: Kommentar zu Alterstest für junge Flüchtlinge. Von Gabriela Keller ...
Abdul D. wurde nicht zum Gewalttäter, weil er als Minderjähriger eingestuft wurde. Das Röntgen seiner Handwurzelknochen hätte nicht ausgeschlossen, dass er einen Menschen umbringt. Tatsächlich geht es um etwas anderes. Es geht um die Frage, welche Sicherheitsrisiken die Zuwanderung mit sich
Straubinger Tagblatt: Tauwetter in Korea ...
Südkoreas Vorschlag eines Treffens auf hoher Ebene weckt die Hoffnung auf politisches Tauwetter. Möglich, dass Kim, nachdem er nukleare Macht demonstriert hat, nun auf einen politischen Prozess setzt, der die Lockerung der Sanktionen zur Folge hat. Jedenfalls gibt es erstmals seit Längerem wie
Straubinger Tagblatt: Rechtstaat in Gefahr ...
Die Politik muss handeln. Personallücken, die über Jahre entstanden sind, lassen sich nicht auf die Schnelle schließen. Es ist eine vorausschauende Politik nötig. Mit dem Rotstift haben Bund und Länder allerdings dazu beigetragen, dass die Polizei oft nicht ausreichend präsent sein kann. U
Frankfurter Rundschau: Geschürte Panik ...
Polizisten, Feuerwehrleute oder Sanitäter anzugreifen, ist ekelhaft und strafbar. Ebenso wenig Verständnis kann es für Leute geben, die Frauen mit sexualisierter Belästigung oder gar Gewalt schikanieren. Aber die Eskalation der Erregung, die wir jetzt wieder erleben, übersteigt die Dimensio




