Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Musikpreis»Echo«
ID: 1600927
Mucke machte, dass alle Leute in den Laden rannten und die tolle
Scheibe kauften, dann schickten die Plattenfirmen dem Musiker eine
Goldene Schallplatte. Und wenn der Reporter aufkreuzte, um eine
Homestory zu machen, dann sagte der Musiker im Brustton der eigenen
Wichtigkeit so was wie: meine Villa, meine Yacht, meine
Schallplatten. 1992 fanden die Plattenfirmen dieses Prozedere so öde,
dass sie die »Echo«-Gala erfanden, und seither gibt es im deutschen
Unterhaltungsfernsehen jedes Jahr eine weitere Totgeburt. Eine
idiotische Idee: Da werden nicht Künstler für tolle Mucke bepreist,
sondern für viele verkaufte Scheiben - man feiert nicht die Kunst,
sondern das firmeninterne Marketing. Wer will das wissen? Richtig:
niemand. Also wird, wenn's irgend geht, ein Skandälchen eingebaut.
2013 lud man die Ultrarechtsrocker von »Freiwild« ein, und als alle
Welt Zeter und Mordio schrie, lud man die Band wieder aus. 2014 lud
man sie wieder ein, aber da wollte »Freiwild« nicht. 2016 gab's dann
doch den »Echo« - aufgeregte Schlagzeilen inklusive. 2017 war Xavier
Naidoo an der Reihe: »Echo« für gereimte Dummheiten über den
(jüdischen) »Baron Totschild«. So bleibt man im Gespräch. Deswegen
wäre es naiv zu glauben, die Nominierung von Kollegah und Farid Bang
sei ein Versehen. Florian Drücke, Chef des Bundesverbandes
Musikindustrie (BVMI), ist auch ganz sicher nicht »bestürzt«. Das
muss er zwar sagen, das gehört zum Betroffenheitsritual, aber wenn
gerade keiner guckt, freut sich der Mann wie Bolle. Besonders über
die gestiegenen Zuschauerzahlen, eine halbe Million mehr als 2017. So
weit, so vorhersehbar. Wer was auf sich hält, zeigt jetzt mit dem
Finger auf die beiden »Ekelrapper«, wie sie der
ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber nennt. Worüber niemand
spricht - auch nicht »Tote Hosen«-Frontmann Campino -, ist der
Umstand, dass Songs, in denen man aufgefordert wird, »mache mal
wieder 'nen Holocaust, komm an mit dem Molotow«, offenbar von
Millionen im Lande gekauft werden - andernfalls gäbe es den »Echo« ja
gar nicht. Diese Millionen im Lande, die Geschmackloses über KZ-Opfer
goutieren, werden gar nicht erwähnt - auch nicht von Campino, der bei
der Gala zwar hyperventilierte, aber weiterhin seine Kirmesmusik
verkaufen will, weswegen er sich Kritik an den Hörern, nein: Käufern
da draußen gar nicht leisten kann. Dräut ein moralisches Problem,
gründet der Deutsche sofort einen Ethikrat. So auch hier. Der Rat
aber konnte gar keinen Skandal erkennen. Wie auch? Schließlich geht
es beim »Echo« ums Geschäft. Und wenn Ökonomen wie die vom BVMI ihre
stumpfe Kommerzvergoldung betreiben, haben Anstand, Sitte und Moral
Sendepause. Nächstes Jahr wieder.
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Datum: 16.04.2018 - 21:00 Uhr
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