Börsen-Zeitung: Der lachende Dritte,
Marktkommentar von Stefan Schaaf
ID: 1731140
Dritte. Dies war in der abgelaufenen Woche der Aktienmarkt, dazu
später mehr. Zunächst zu den beiden Streithähnen, nämlich Euro und
Dollar bzw. die hinter ihnen stehenden Notenbanken. Deren Chefs,
Mario Draghi für die Europäische Zentralbank (EZB) und Jerome Powell
für die Federal Reserve (Fed), haben das wichtigste Währungspaar aus
dem Tiefschlaf gerissen. Der Euro wertete seit Jahresbeginn zwar
leicht zum Dollar ab. Aber angesichts der starken Bewegungen an
anderen Märkten wie etwa dem für Aktien ging es bei Euro-Dollar
zuletzt sehr gemächlich zu.
Das änderte sich am Dienstag, als Draghi während der jährlichen
EZB-Konferenz im portugiesischen Sintra Flexibilität versprach und
damit eine Lockerung der Geldpolitik in Aussicht stellte. Das saß,
die Märkte waren auf so deutlich Worte nicht gefasst. Der Euro sackte
durch. Und wenn es nicht eine Verbalintervention des US-Präsidenten
gegen den Dollar gegeben hätte, wäre der Euro wohl noch weiter
gefallen. Im Blick auf die ganze Woche betrachtet, ist die Wirkung
von Donald Trumps Tweet, dem er noch eine Attacke gegen den Dax
hinterher schickte, allerdings zu vernachlässigen. Die Kursbewegung
der Woche löste am Währungsmarkt eindeutig Jerome Powell aus, der den
Dollar verbal deutlich schwächte. Am Freitag kostete ein Euro bis zu
1,1334 Dollar, nachdem er direkt nach Draghis Rede noch bis auf
1,1179 Dollar gefallen war.
Zweifelsohne sind die beiden wichtigsten Notenbanken der Welt auf
Lockerungskurs eingeschwenkt, dem sich andere Zentralbanken nicht
entziehen können. Während jedoch die EZB Gründe für eine Lockerung,
aber wenig verbleibende Feuerkraft hat, sieht es bei der Fed
umgekehrt aus. Ihr Mandat ist derzeit mehr oder minder erfüllt, doch
steht sie unter erheblichem politischen Druck zur Lockerung, was auf
Dauer den Dollar untergraben könnte.
Über Draghis Intention in Sintra wurde von Marktteilnehmern viel
spekuliert, es war gar die Rede von einem "Präventivschlag" gegen
einen zu erwartenden sehr moderaten Powell. Allerdings dürfte es der
EZB Sorge bereiten, dass die Inflation absackt. Bei konstantem
geldpolitischen Rahmen bedeutet eine niedrigere Inflationsrate aber
eben auch, dass die Realzinsen steigen. Das ist zwar gut für Anleger,
doch das Mandat der EZB sind eben nicht auskömmliche Sparzinsen,
sondern sie verfolgt ein Inflationsziel. Eine Verbalintervention
Draghis schien da schlüssig - und zeigte Erfolg: Die Marktzinsen sind
deutlich gefallen, womit die Realzinsen nicht weiter ansteigen. Und
er hat einer übermäßigen Euro-Aufwertung vorgebeugt, denn ohne die
Rede in Sintra wäre der Dollar möglicherweise noch stärker als
ohnehin gefallen. Zwar verneint die EZB immer wieder, dass sie am
Wechselkurs arbeitet, de facto hilft ein schwächerer Euro jedoch über
teurere Importe die Inflation anzuheben.
Die Fed steht hingegen unter weniger starkem Druck von der
Konjunkturseite her und könnte sich eigentlich entspannt
zurücklehnen. Doch entweder fürchtet sie schwerwiegende Folgen aus
dem Handelsstreit. Oder es wächst der politische Druck auf Powell,
denn Trump will einen schwachen Dollar, auch um seine Wahlchancen im
nächsten Jahr zu erhöhen. Und dass er sich um Inflation wenig schert,
zeigt seine Ignoranz gegenüber der preistreibenden Wirkung seiner
deutlichen Zollerhöhungen. Doch wenn beide Notenbanken auf
Lockerungskurs bleiben, wird die Zinsdifferenz mehr oder minder
unverändert bleiben und der Euro-Dollar-Kurs schon bald wieder in
einer Seitwärtsbewegung erstarren. Ausbrüche daraus sind aber
möglich: Sollte es zu einem Schock kommen, etwa einem Krieg am
Persischen Golf, wäre der Dollar wohl erneut die Währung der Wahl.
Umgekehrt könnte die bevorstehende Lockerungsphase den Euro etwas
aufwerten lassen.
Der Weg hierzu führt über den genannten lachenden Dritten des
Streits, nämlich den Aktienmarkt. Eine lockere Geldpolitik treibt
meist die Aktienkurse in die Höhe, dies zeigte sich dieser Tage auch
bereits mit dem Draghi-Put 2.0 - also der vom EZB-Präsidenten wie
2012 ausgelösten Rally bei Aktien- und Anleihekursen. Wenn der Dollar
die Sicherheitswährung ist, so nimmt der Euro die Rolle der
Risikowährung ein. Damit steckt die EZB aber in einem Dilemma:
Befeuert sie die Aktienrally zu sehr, würde der Euro aufwerten und
das wiederum die Inflationsrate in der Eurozone über sinkende
Importpreise drücken.
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Datum: 21.06.2019 - 20:35 Uhr
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