Westfalen-Blatt: Kommentar zu Antisemitismus
ID: 1761040
auf die Synagoge in Halle an der Saale ein »Alarmzeichen«. Zu Recht
wird die CDU-Vorsitzende für diese Einschätzung heftig gescholten.
Denn der Terrorakt ist ein unerträglicher Höhepunkt in einer sehr
langen Reihe von Alarmzeichen.
Antisemitismus ist 74 Jahre nach Ende der Shoa in erschreckend
großen Teilen Deutschlands wieder gesellschaftsfähig. »Israel ist
unser Unglück« wird von Rechten auf Plakaten regelmäßig durch die
Straßen getragen. Bei vom BDS (Boykott, Desinvestitionen und
Sanktionen) initiierten Demonstrationen werden israelische Politiker
als Blutsauger dargestellt. Auf Fußballplätzen nehmen die Übergriffe
(im Westen eher mit islamisch-arabischen, im Osten eher mit
rechtsradikalem Hintergrund) stark zu. Am vergangenen Freitag hat ein
mit einem Messer bewaffneter Syrer versucht, in die Neue Synagoge in
Berlin vorzudringen. Schaut man sich in den angeblich sozialen Medien
um, ist die Relativierung der Shoa an der Tagesordnung. Gefaselt wird
auch viel von einem Deepstate, der die Welt im Griff habe. Der
jüdische Krake taucht wieder auf. Und natürlich die
überdimensionierten Nasen. Und die Rothschilds und die von Goldman
Sachs.
Die Grenzen des wieder Sagbaren werden schon seit Jahren
verschoben. Daran sind nicht nur die Führungsmitglieder der AfD
schuld und ihre geistigen Wegbegleiter. Die bekennen sich ja offen
dazu: Irgendwann muss mal Schluss sein - mit der Schuld und dem Kult
und der Schande. Mindestens genauso schlimm ist die Delegitimierung
des Staates Israel. Das scheint eine Art Volkssport in Deutschland zu
sein. Man darf davon ausgehen, dass das Abstimmungsverhalten der
Bundesrepublik in der UN nicht nur von deutschen Juden genau
beobachtet wird. Ende Juli dieses Jahres enthielt sich Deutschland
allen Ernstes in einem Unterausschuss bei folgender Abstimmung: Es
ging um die »Situation von - und Hilfe für palästinensische Frauen«.
Eingebracht wurde die Resolution unter anderem von den
Frauenversteher-Ländern Iran und Saudi-Arabien und der
palästinensischen Autonomiebehörde. Schuld an der schlechten
Situation hatte natürlich nur ein Land: Israel.
Genau beobachtet wurde auch, wie in Deutschland über die Ermordung
von Rina Shnerb im August dieses Jahres berichtet wurde. Da war die
17-Jährige mal »Siedlerin«, mal »Soldatin«. Und damit ja auch
irgendwie ein bisschen selber schuld. Eigentlich war die Ermordung
doch eher so eine Art Notwehr des palästinensischen Attentäters - so
konnte man es erschreckend häufig zwischen den Zeilen lesen und
hören. Wenn man das denn wollte.
Diese »Ja, aber«-Stimmung ist abstoßend - und gefährlich für die
jüdischen Bürger. Nötig aber ist ein klares Bekenntnis gegen den
Antisemitismus. Es reicht nicht, in Yad Vashem in der Halle der
Erinnerung der Toten zu gedenken. Es reicht nicht, Auschwitz zu
besuchen. Die Erinnerung an das Unsagbare wach zu halten, sich der
Ermordeten zu erinnern, das ist wichtig. Mindestens genauso wichtig
ist es aber, an die Lebenden zu denken.
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Datum: 10.10.2019 - 21:05 Uhr
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