Westfalen-Blatt: Kommentar zu den Bauernprotesten
ID: 1764264
freitags, wenn Schüler bei den »Fridays for Future«-Demonstrationen
vehement mehr Klimaschutz einfordern. Dabei ist die intensive
Landwirtschaft mit Massentierhaltung und Glyphosat einer der
Hauptangriffspunkte. Gestern begehrten nun die Junglandwirte auf und
mahnten mehr gesellschaftliche Anerkennung für ihren Beruf an. Auch
sie attackierten die Politik, aber nicht wegen zu wenig Auflagen,
sondern im Gegenteil wegen angeblich überbordender,
existenzgefährdender Vorschriften wie der Düngeverordnung. Noch mehr
Umweltschutz gehe nur auf ihre Kosten, argumentieren sie.
Da scheinen sich auf den ersten Blick zwei Lager unversöhnlich
gegenüberzustehen. Bei näherem Hinsehen ist das aber nicht so.
Schüler und Nachwuchslandwirte eint die Sorge um ihre Zukunft. Sie
wollen in einer umweltverträglichen Welt aufwachsen, die nachhaltig
ist und künftigen Generationen die gleichen Chancen eröffnet wie der
jetzt lebenden. Die Junglandwirte möchten aber auch, dass ihr Beruf
eine Zukunft hat, dass sie von Auflagen nicht erdrückt werden und der
Betrieb Gewinn abwirft. Sonst könnten sie ja gleich ihre Felder den
Betreibern von Windrädern anbieten und von der Pacht leben, anstatt
Getreide anzubauen oder Kühe zu melken. Auf ihre Nöte hinzuweisen wie
am Dienstag bei der Demo in Paderborn, bei der 300 Traktoren die
Verkehrsader der Stadt verstopften, ist ihr gutes Recht. Dass die
Organisatoren die Demo nicht angemeldet hatten, war dumm, ist aber
eine andere Geschichte.
Landwirte haben es zur Zeit besonders schwer, weil CDU und SPD in
der Großen Koalition immer grüner werden - als Reaktion darauf, dass
die Grünen bei Wahlen immer stärker werden. Und die würden es am
liebsten sehen, wenn Lebensmittel gar nicht mehr konventionell,
sondern nur auf Biobauernhöfen hergestellt werden. Die Öffentlichkeit
wiederum ist durch Horrorbilder aus Ställen, in denen Schweine mit
abgebissenen Schwänzen vor sich hin leiden, aufgeschreckt. Das ist
natürlich nicht die Regel, aber solche Bilder sind wirkmächtig. Zudem
hält sich das Vorurteil hartnäckig, dass der Bauer zwar immer stöhnt,
aber gleichzeitig einen dicken Mercedes fährt.
Wenn junge Leute freitags strengere Vorschriften für Dünge- und
Pflanzenschutzmittel fordern, sollten sie und ihre Eltern auch bereit
sein, fürs Essen mehr auszugeben. Spaghetti Bolognese mit Billighack
aus dem Discounter zuzubereiten und gleichzeitig mehr Klimaschutz zu
fordern, passt nicht zusammen. Wenn Lebensmittel endlich einen
höheren Stellenwert bekämen, würde das dafür sorgen, dass bei
Landwirten mehr hängen bliebe, was sie in Tierschutz investieren
könnten. Ein Umdenken würde allen helfen, auch der Umwelt.
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Westfalen-Blatt
Dietmar Kemper
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Datum: 22.10.2019 - 21:00 Uhr
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