„Genschere“ in menschlichen Zellen funktioniert auch gegen Viren
Wissenschafter des IMC Krems zeigen, dass mittels CRISPR-Cas9 auch Viren wie zum Beispiel Adenoviren in Zellkulturen gehemmt werden können
Logo IMC Krems(firmenpresse) - Krems, Österreich, 26. April 2023: Die Vermehrung von potenziell schädlichen Adenoviren kann in menschlichen Zellen in Zellkultur durch den Einsatz des sogenannten CRISPR-Cas9-Systems („Genschere“) deutlich vermindert werden. Damit bietet diese weltweit in Wissenschaft & Forschung eingesetzte Methode auch ein Potenzial für zukünftige innovative Therapien zur Behandlung von Viruserkrankungen. Grundlage dieser Erkenntnis ist eine jetzt im renommierten Fachjournal „Molecular Therapy Nucleic Acids“ veröffentlichte Studie der IMC Fachhochschule Krems (IMC Krems) in Österreich. Gefördert wurde die Studie vom Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF.
Viruserkrankungen wirklich an der Wurzel zu packen bleibt eine große Herausforderung. Zwar gibt es vereinzelt Medikamente, die die Virusvermehrung in menschlichen Zellen unterbinden, doch sind diese noch eine große Ausnahme. Vor diesem Hintergrund untersuchten nun MitarbeiterInnen der Forschungsgruppe um Prof. Reinhard Klein vom Department of Life Sciences des IMC Krems das Potenzial molekularer Technologien zur Hemmung von Virusinfektionen. Die Forschergruppe nutzte eine wissenschaftlich etablierte Methode (CRISPR-Cas9) zur gezielten Veränderung von DNA, um die Vermehrung von Adenoviren in menschlichen Zelllinien in Zellkultur signifikant zu vermindern.
Zielkoordinate: Virus-DNA
Diese vor wenigen Jahren mit dem Nobelpreis gekürte Methode erlaubt es, ganz bestimmte DNA-Abschnitte in Säugetierzellen gezielt zu verändern. „Unsere Überlegung war es nun“, erläutert Prof. Klein, „das Potenzial diese Technik zur Bekämpfung von Virusinfektionen wie zum Beispiel Infektionen mit Adenoviren, die häufig Erkrankungen der Atemwege, des Verdauungstrakts und der Augen verursachen, auszuloten.“ Das Ziel dabei: in infizierten menschlichen Zelllinien eine Region der Adenoviren-DNA so zu zerstören, dass sich die Viren nicht mehr vermehren können.
Ein Ansatz, der überraschend erfolgreich war, wie Prof. Klein darlegt: „Tatsächlich gelang es uns, die Menge an infektiösen Viruspartikeln in den menschlichen Zelllinien unter bestimmten Bedingungen, um bis zu drei Größenordnungen zu reduzieren. Ein Resultat, das die Effizienz der Methode klar bestätigt und darüber hinaus demonstriert, dass diese Technologie auch potent genug ist, es mit der großen Anzahl an Viren, die in infizierten Zellen im Zuge mancher Virusinfektionen produziert werden, aufnehmen zu können.“
Entscheidend für diesen Erfolg war dabei die Kombination mehrerer Maßnahmen. Die erste war dabei die Auswahl jener viralen DNA-Sequenz, an die das CRISPR-Cas9-System ansetzen sollte. Hier wählte das Team um Prof. Klein die E1A-Region des Virus, die ganz am Anfang des Virusvermehrungszyklus von besonderer Wichtigkeit ist. Dazu Prof. Klein: „Dadurch, dass wir die Virusvermehrung quasi im Keim erstickten, gelang es uns, die Menge an viraler DNA in den Zellen so gering zu halten, dass das CRISPR-Cas9-System überhaupt effizient arbeiten konnte.“ Tatsächlich bereitete dem Team am Beginn der Studie die mögliche Menge an viraler DNA in den Zellen durchaus Sorge. Denn diese könnte bei schneller Vermehrung der Viren so groß werden, dass das CRISPR-Cas9-System ganz einfach an den Rand seiner Leistungsfähigkeit kommen würde. Doch die Inaktivierung von E1A, das in infizierten Zellen für den enormen Anstieg der Menge an viraler DNA verantwortlich ist, verhinderte genau dies.
Erfolg durch Kombination
Eine zweite Maßnahme, die zur starken Hemmung der Virusvermehrung beitrug, war der Einsatz von Kombinationen sogenannter guide RNAs – Nukleinsäure-Stränge, die das Ansteuern der DNA-Zielsequenz ermöglichen. Das führte zu einer effizienteren Ausschaltung des Adenovirus E1A-Gens und damit zu einer höheren Wahrscheinlichkeit, dass das Virus nicht mehr in der Lage ist, sich zu vermehren.
Die Hemmung der Virusvermehrung konnte weiters durch eine Kombination mit dem Wirkstoff Cidofovir, der die virale DNA-Synthese behindert, verstärkt werden. Dieser Effekt war auch vorhanden, wenn nur geringe Mengen der Substanz zur Anwendung kamen. Der Verstärkungseffekt kommt dadurch zustande, dass die Vermehrung der viralen DNA auf zwei unterschiedlichen Ebenen gehemmt wird: Zunächst wird die Menge an funktionsfähigem E1A-Produkt durch CRISPR-Cas9 in der Zelle vermindert während in einem zweiten Schritt die restliche, noch stattfindende Vermehrung der viralen DNA durch Cidofovir gehemmt wird.
Die Ergebnisse der international beachteten Studie des IMC Krems unterstreichen die ganz allgemeine Potenz von CRISPR-Cas9 und die Möglichkeit der Verwendung der Technologie auch zur Inaktivierung von Viren. Eine prinzipielle, zukünftige, Anwendung gegen Viruserkrankungen ist damit theoretisch denkbar geworden. Soll diese Technologie in Zukunft tatsächlich zur Therapie von Viruserkrankungen angewendet werden, müssen dazu zunächst aber noch zahlreiche weitere Fragen geklärt und technische Hürden aus dem Weg geräumt werden, wie Prof. Klein betont. Eine Anwendung ist somit momentan noch in weiter Ferne, aber die theoretische Möglichkeit dazu konnte aufgezeigt werden.
Originalpublikation:
Inhibition of adenovirus replication by CRISPR-Cas9-mediated targeting of the viral E1A gene. Z. Didara, F. Reithofer, K. Zöttl, A. Jürets, I. Kiss, A. Witte & R. Klein. Molecular Therapy: Nucleic Acids Vol. 32 June 2023. https://doi.org/10.1016/j.omtn.2023.02.033 .
Weitere Infos zu dieser Pressemeldung:
Themen in dieser Pressemitteilung:
Unternehmensinformation / Kurzprofil:
IMC Krems in Kürze
Das IMC Krems ist eine internationale Fachhochschule im Herzen Niederösterreichs. Sie ist mit 160+ Partneruniversitäten, weltweit über 1.000 Partnerunternehmen und über 3.000 Studierenden aus 90 Ländern an 2 österreichischen sowie mehr als 700 Studierenden an 5 internationalen Standorten eine Hochschule mit Schwerpunkten in der Internationalisierung, Praxisorientierung und der Innovation. Auch Nachhaltigkeit und Digitalisierung sind in der dynamischen, modernen Bildungseinrichtung zeitgemäße Fokusthemen über alle Studienprogramme hinweg. Derzeit werden 27 Vollzeit- bzw. berufsbegleitende Studiengänge (Bachelor & Master) und drei Lehrgänge in den Schwerpunkten Wirtschaftswissenschaften, Digitalisierung & Technik, Gesundheitswissenschaften und Life Sciences angeboten. Das IMC Krems arbeitet eng mit Forschung und Wirtschaft zusammen – aktuell laufen an der Fachhochschule zahlreiche Forschungsprojekte mit einem Gesamtvolumen von mehreren Millionen Euro. Mit den Vorlesungssprachen Englisch und Deutsch, Berufspraktika im In- und Ausland, internationalen Austauschprogrammen und Auslandssemestern werden Studierende bestens auf eine nationale oder internationale Karriere vorbereitet. Ausgezeichnet: Hohe Anerkennung über Österreichs Grenzen hinaus genießt das IMC Krems durch diverse Auszeichnungen (CHE-Hochschulranking, IQNet und Quality Austria für erfüllte ISO-Standards, Diploma Supplement Label), Zertifikate (evalag), Mitgliedschaften (FHK, AACSB, EFMD, ÖAWI, EAIE) und Akkreditierungen von internationalen Organisationen. Die aktuellen Zahlen & Fakten finden Sie unter Facts & Figures (https://www.fh-krems.ac.at/fachhochschule/medienportal/presse/#facts-figures).
Wissenschaftlicher Kontakt
Prof. Reinhard Klein
Institut für Biotechnologie
IMC Krems
Piaristengasse 1
3500 Krems / Austria
T +43 2732 802 883
E reinhard.klein(at)fh-krems.ac.at
W www.fh-krems.ac.at
Redaktion & Aussendung
PR&D – Public Relations
für Forschung & Bildung
Dr. Barbara Bauder
Kollersteig 68
3400 Klosterneuburg / Österreich
T +43 664 1576 350
E bauder(at)prd.at
W https://www.prd.at/
Datum: 26.04.2023 - 10:52 Uhr
Sprache: Deutsch
News-ID 2044162
Anzahl Zeichen: 5747
Kontakt-Informationen:
Ansprechpartner: Dr. Till C. Jelitto
Stadt:
Klosterneuburg Österreich
Telefon: 00436642269364
Kategorie:
Forschung
Meldungsart: Erfolgsprojekt
Versandart: Veröffentlichung
Freigabedatum: 26.04.2023
Diese Pressemitteilung wurde bisher 313 mal aufgerufen.
Die Pressemitteilung mit dem Titel:
"„Genschere“ in menschlichen Zellen funktioniert auch gegen Viren"
steht unter der journalistisch-redaktionellen Verantwortung von
PR&D - Public Relations für Forschung & Bildung (Nachricht senden)
Beachten Sie bitte die weiteren Informationen zum Haftungsauschluß (gemäß TMG - TeleMedianGesetz) und dem Datenschutz (gemäß der DSGVO).
Krems, Österreich, 24. Jänner 2024: Maßnahmen zur Prävention von Demenz in Risikogruppen können nicht nur die Lebensqualität verbessern, sondern machen auch volkswirtschaftlich viel Sinn. Das ist die Kernaussage einer jetzt veröffentlichten Analyse der IMC Krems University of Applied Sciences
Kombi-Therapie gegen Darmkrebs zeigt Wirkung trotz mutierter RAS-Gene ...
Krems (Österreich), 19. Dezember 2023: Eine erst vor kurzem zugelassene Kombinationstherapie für die Behandlung des metastasierenden Darmkrebses scheint unabhängig vom Mutationsstatus des Proto-Onkogens RAS zu wirken. Das zeigt eine Studie fünf österreichischer Krebszentren, die Daten von über
Neue Immuntherapie des kleinzelligen Lungenkarzinoms überzeugt in klinischer Studie der Phase II ...
Das kleinzellige Lungenkarzinom ist eine schwerwiegende Erkrankung, die mit schlechten Überlebenschancen verbunden ist. Obwohl die meisten Betroffenen auf eine Erst- und Zweitlinientherapie ansprechen, kommt es in der Regel innerhalb weniger Monate zu einem Fortschreiten der Erkrankung. Die Optione
Weitere Mitteilungen von PR&D - Public Relations für Forschung & Bildung
Cannabispatienten seit durchschnittlich zwei Jahren in Therapie ...
So gaben in Summe 61 Prozent der Studienteilnehmenden an, dass sie sich seit einem bis über fünf Jahren in einer Cannabistherapie befinden. Daraus haben 64 Prozent vor einem bis zwei Jahren und 25 Prozent vor drei bis fünf Jahren ihre Therapie begonnen. 11 Prozent gaben indes an, seit mehr als fÃ
Reden im Schlaf: Warum sprechen wir, während wir schlafen? ...
Eine wirre Aussage hier, ein Murmeln, ein Lachen oder Winseln da – diese teils witzigen, aber zugleich auch irritierenden Wortfetzen hat bestimmt jeder schon zu hören bekommen. Das Phänomen des Sprechens, während wir schlafen, lässt jedoch zwangsläufig einen unangenehmen Nebeneffekt zu: Mensc
Long Covid - Studie zu neuer Therapie ab März 2023 ...
Das Kölner Forschungs- und Präventionszentrum (FPZ) startet im März 2023 die Wirksamkeitsstudie zu einer neuer Behandlungsmöglichkeit von Long Covid. Betroffene können im Rahmen der Studie eine neu entwickelte 12-wöchige hybride Therapie testen. Ziel der Studie ist es, die Wirksamkeit der Ther
Primärtumor oder Metastase? Deep Learning und Radiomics erlauben präzise Unterscheidung bei Hirntumoren ...
Glioblastom (ein Primärtumor) und Hirnmetastasen sind die häufigsten Arten von Hirntumoren bei Erwachsenen. Ihre Behandlung muss grundsätzlich unterschiedlich erfolgen, und eine rasche und klare Diagnose beeinflusst daher den klinischen Erfolg. Tatsächlich jedoch ist ihre Differenzierung schwier




