Berliner Morgenpost/EM als Chance/Leitartikel von Henric Jacobs
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(ots) - Die DFB-Elf kann helfen, die Spaltung der Gesellschaft zu überbrücken
Philipp Lahm und sein Organisationsteam für für die EM haben sich in den vergangenen Monaten größte Mühe gegeben. Ob Trophy Tour durch die Gastgeberstädte, Fan- und Inklusionsfeste, Besuche in Schulen, bei der Berlinale oder die Vorstellung des Spielballs - der Turnierdirektor nutzte jede Möglichkeit, um Deutschland auf die Europameisterschaft im eigenen Land einzustimmen. Doch von allzu großer Vorfreude oder gar EM-Euphorie war in den letzten Tagen und Wochen noch wenig zu spüren.
Das liegt zum einen natürlich an den Misserfolgen der DFB-Auswahl in den vergangenen Jahren, begleitet von der künstlichen Vermarktung einer emotionslosen Mannschaft, aber auch an der zunehmenden Politisierung der Nationalmannschaft, die in ihren zwiegespaltenen Protesten rund um die verbotene One-Love-Binde bei der WM in Katar ihren Tiefpunkt erreichte.
Es lag aber auch an der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft in den vergangenen Jahren. Eine Spaltung, befördert durch die Migrations- und Rassismusdebatten, den Aufstieg der AfD, die Diskussionen während der Corona-Pandemie über die Schutzmaßnahmen, Meinungsverschiedenheiten über Waffenlieferungen für die Ukraine und nicht zuletzt der immer häufiger auf den Straßen ausgetragene Hass auf Juden seit Beginn des Israel-Gaza-Kriegs am 7. Oktober 2023, der die Israel-Kritiker und Unterstützer in Deutschland nicht weniger entzweit.
Nur über die Tore von Kai Havertz, Florian Wirtz oder Thomas Müller für die Nationalmannschaft wurde in den vergangenen Jahren kaum diskutiert. Was natürlich damit zu tun hat, dass es nicht allzu viele bedeutende Tore der DFB-Elf mehr gab. Oder was war Ihr letzter emotionaler Moment, den Sie mit der Nationalmannschaft verbinden? Ich denke zuerst an das Tor von Toni Kroos bei der Weltmeisterschaft 2018.
Sechs Jahre ist das nun schon her.Das Leben in Deutschland ist seitdem nicht einfacher geworden - im Gegenteil, für viele hat es sich verteuert. Nur ein kleines Beispiel neben den großen Themen Inflation und steigende Mieten: Ein halber Liter Fassbier kostet bei den offiziellen Fanfesten in den kommenden Wochen sieben Euro. Da vergeht einem schnell die Lust auf einen Besuch der Feste, die wie keine anderen das Sommermärchen 2006 symbolisierten.
Die WM-Stimmung von damals lässt sich nicht einfach kopieren. Trotzdem bietet die EM 2024 die große Chance, in den Zeiten der Empörungskultur und des Dauerjammerns in Deutschland eine Atmosphäre zu schaffen, die sich zumindest ein bisschen nach Sommermärchen anfühlt. Ein wenig weniger Regen als in den vergangenen Wochen wäre dazu sicher auch hilfreich. Vor allem aber braucht es eine deutsche Mannschaft, die mit ihrer Einstellung, ihrem Auftreten und letztlich natürlich ihren Ergebnissen dafür sorgt, dass Fußballfans von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen wieder gerne mit dem Trikot der Nationalmannschaft zur Arbeit kommen.
Die Vorzeichen stehen gut. Laut einer Umfrage sind 73 Prozent der Deutschen vor dem Eröffnungsspiel gegen Schottland zufrieden mit dem Gesamtbild des DFB-Teams. Vor den Spielen im März gegen Frankreich und die Niederlande waren es nur 53 Prozent. Ein klares Indiz, dass es vor allem Siege und weniger Trophy Touren braucht, um die Deutschen in Europameisterschaftsstimmung zu bringen. Ein überzeugender Erfolg zum Auftakt wäre daher zur Abwechslung mal wieder hilfreich. Dann klappt es sicher auch mit der Euphorie.
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