Mittelbayerische Zeitung: Machtfülle und Machtfalle
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Der ehemalige Verfassungsrichter Udo di Fabio springt dem
bedrängten Bundespräsidenten bei: Man müsse unterscheiden zwischen
dem, was Christian Wulff als Ministerpräsident und was er als
Staatsoberhaupt getan habe. Das ist die Sicht des Juristen. Die Art
und Weise, wie Wulff mit seinen juristisch vielleicht lässlichen
Sünden aus der Vergangenheit umgeht, disqualifiziert ihn jedoch de
facto als Staatsoberhaupt. Zehnjährige interessieren sich nicht für
juristische Feinheiten, haben aber ein starkes Gefühl für
Gerechtigkeit. Sie fragen in diesen Tagen schon mal, warum der Mann
auf dem Bild im Schulflur eigentlich immer noch Präsident sei, nach
allem was man von ihm gehört habe. Die Befragten geraten zusehends in
Erklärungsnot. Christian Wulff kann nichts dafür, dass er
Bundespräsident ist, außer dass er Angela Merkel gefährlich wurde.
Nach dem überraschenden Rückzug von Horst Köhler machte Merkel dem
Konkurrenten ein Angebot, das er nicht ausschlagen konnte und ihn
gleichzeitig auf Dauer vom Kanzleramt fernhielt. Das war wohl etwas
zu schlau eingefädelt, denn jetzt stellt sich der vermeintliche
Biedermann aus Oldenburg als überforderter Ex-Amigo mit
problematischem Verhältnis zur Pressefreiheit heraus. Wulff wird
nicht zurücktreten, auch wenn ihm jetzt danach wäre, denn das würde
Angela Merkel gar nicht gelegen kommen. Stattdessen wird das Amt des
Bundespräsidenten weiter beschädigt. Es ist einmal eine dringend
notwendige moralische Instanz gewesen. Nicht nur Zehnjährige werden
sich fragen, was uns dieser Mann auf dem Bild im Schulflur noch zu
sagen hat.
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Datum: 05.01.2012 - 19:00 Uhr
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