Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Haiti
ID: 552391
Jahre wurde die Bevölkerung von Despoten ausgebeutet und
drangsaliert. Doch auch die Gegenwart verlangt den Haitianern eine
Menge ab. Als sei die Erdbeben-Katastrophe vor zwei Jahren nicht
genug, erleben sie nun eine untätige Politik, eine schwache
internationale Gemeinschaft und die Ausbreitung der Cholera. Haiti
kämpft nicht nur mit den Folgen eines dramatischen Naturereignisses,
sondern auch mit der Frage, welcher Weg aus der Krise heraus führt.
Präsident Michel Martelly verspricht viel, kümmerte sich aber in den
ersten sechs Monaten seiner Amtszeit lieber um Mehrheiten im
Parlament. Eine wichtige Weichenstellung - keine Frage. Angesichts
von 500 000 Menschen, die immer noch in Obdachlosencamps leben, aber
wohl nicht die zentrale Problematik, die es zu lösen gilt. An erster
Stelle müsste die Unterstützung der Hilfsorganisationen beim
Wiederaufbau stehen. Die Regierung tritt aber nicht als
organisierende Autorität auf, sondern als untätig konzeptloses
Gremium. So werden beispielsweise tausende Fertighäuser ins Land
importiert, anstatt mit der Bevölkerung gemeinsam mehr Wohnraum zu
schaffen. Der Präsident fördert lieber die Abhängigkeit von anderen
Staaten und den Aufbau einer eigenen Armee, anstatt die
Eigenständigkeit des Landes voranzutreiben. Hinzu kommen Korruption
und Bürokratie, die immer größere Blüten treiben. Die Leidtragenden
sind abgesehen von den Haitianern vor allem die Hilfsorganisationen,
die in ihrer Arbeit behindert werden. Das kann sich Haiti aber nicht
leisten. Viele Nicht-Regierungsorganisationen verlassen inzwischen
das Land, weil die Finanzierung ihrer Projekte nicht garantiert ist
oder sie in den Fängen der Korruption zu ersticken drohen. Auch die
internationale Gemeinschaft ist im Wiederaufbau keine verlässliche
Größe. Es brauchte sogar externe Fachleute, um nachzuweisen, dass
ausgerechnet die UN-Blauhelme für die Verbreitung der Cholera
verantwortlich waren. Mit 4,6 Milliarden US-Dollar hat die
internationale Gemeinschaft außerdem gerade einmal die Hälfte des
zugesagten Geldes freigegeben. Hilfsorganisationen fürchten, dass die
Versprechungen nicht eingehalten werden. Es gibt aber auch gute
Nachrichten: 750 000 Kinder gehen laut eines Unicef-Berichts wieder
zur Schule, 120 000 Kinder nutzen Spiel- und Lernmöglichkeiten in 530
betreuten Spielzonen. Außerdem haben 1,5 Millionen Menschen einen
Zugang zu sauberem Trinkwasser. Diese Zahlen zeigen, worauf es
wirklich ankommt. Den Menschen muss wieder Hoffnung gegeben werden.
Das funktioniert aber nur dann, wenn die Regierung endlich versteht,
dass sie den Wiederaufbau strukturieren und leiten muss. Nur dann hat
Haiti eine Chance, irgendwann einmal wieder seinen Ruf aus den
Anfängen des 19. Jahrhunderts zurückzuerobern: als Perle der
Antillen.
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Datum: 11.01.2012 - 20:00 Uhr
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